Unser Lebensstil
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Die globale Lebensmittelverschwendung


7_Felicitas_SchneiderMehr als die Hälfte unserer Lebensmittel landet im Müll. Das meiste schon auf dem Weg vom Acker zum Esstisch, bevor es uns Verbraucher überhaupt erreicht: jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot.

Das Ausmaß der Verschwendung ist den Wenigsten klar. Essen wegzuwerfen findet niemand gut – „weil andere nichts zu essen haben“, sagen die Jüngeren und die Älteren erinnern sich noch an den Hunger im Krieg: „Da waren wir um jeden Kanten Brot froh.“ Aber wir alle machen mit beim großen Ex und Hopp!

Taste the Waste - Frisch auf den Müll - Essen im Eimer

Ein Filmprojekt von Valentin Thurn, der mehrere Film zum Thema produziert hat:

- TASTE THE WASTE, 90 Minuten, Kino (Kinostart: 8. September 2011)
- FRISCH AUF DEN MÜLL, 45 Minuten, Fernsehen (Oktober 2010)
- ESSEN IM EIMER, 30 Minuten, Schulfernsehen (November 2010)

Der Filmemacher Valentin Thurn hat die Wirklichkeit in unseren Mülltonnen aufgespürt. In den Abfall-Containern der Großmärkte, der Supermärkte und denen vor unserer Haustür. Sie enthalten unglaubliche Mengen einwandfreier Lebensmittel, teilweise noch originalverpackt, oft ist nicht einmal das Haltbarkeitsdatum abgelaufen. Über zehn Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr werden allein in Deutschland weggeworfen. Und es werden immer mehr!

Warum werfen wir so viel weg? Auf der Suche nach Erklärungen spricht Valentin Thurn mit Supermarkt-Verkäufern und -Managern, Bäckern, Großmarkt-Inspektoren, Ministern, Psychologen, Bauern und EU-Bürokraten. Was er findet ist ein System, an dem wir uns alle beteiligen: Supermärkte bieten durchgehend die ganze Warenpalette an. Bis spät in den Abend muss das Brot in den Regalen frisch sein, zu jeder Jahreszeit gibt es Erdbeeren. Und alles muss perfekt aussehen: Ein welkes Salatblatt, ein Riss in der Kartoffel oder eine Delle im Apfel, und sofort wird die Ware aussortiert. Joghurtbecher schon zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums.

Dass wir die Hälfte unseres Essens verschwenden, wirkt sich verheerend auf das Weltklima aus. Die Landwirtschaft ist für mehr als ein Drittel der Treibhausgase verantwortlich, der Anbau der Lebensmittel verbraucht Energie und Dünger und zerstört immer mehr Regenwälder. Wenn Nahrungsmittel auf der Müllkippe verrotten, entweicht zusätzlich Methangas, das bei der Erderwärmung 25-mal so stark wirkt wie Kohlendioxid.

Unsere Verschwendungssucht verschärft auch den weltweiten Hunger. Früher mahnten uns Mütter und Großmütter, den Teller leer zu essen: „Die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie dieses Essen bekämen.“ Wir haben sie nicht ernst genommen – wie sollten unsere Tellerreste auch zu den afrikanischen Kindern kommen? Doch die Aussage unserer Omas war geradezu prophetisch. Die steigenden Weizen- und Reispreise belegen es: Heutzutage kaufen wir unser Essen auf demselben Weltmarkt, auf dem auch die Entwicklungsländer kaufen. Würden wir weniger wegwerfen, müssten wir weniger einkaufen; die Preise fielen und es bliebe mehr für die Hungrigen.

Valentin Thurn findet heraus: Wenn wir unsere Lebensmittelverschwendung nur um die Hälfte reduzierten, würde sich das auf das Weltklima genauso auswirken, als ob wir auf jedes zweite Auto verzichteten.

Und es geht auch anders! Überall gibt es Menschen, die die irrsinnige Verschwendung zu stoppen versuchen: Mülltaucher, die Nahrungsmittel aus den Abfall-Containern der Supermärkte retten, Supermarkt-Direktoren, die ihre Kunden davon überzeugen, weniger klimaschädliche Produkte zu kaufen, Verbrauchervereine, die Bauern und Kunden direkt zusammenbringen.

  • Lebensmittelmenge, die pro Jahr in Deutschland weggeworfen wird:
    Zehn bis 20 Millionen Tonnen vom Acker bis zum Teller.
    Das entspricht mehr als 500.000 Ladungen von Lastzügen, die in eine Reihe gestellt von Berlin bis Peking reichen würden.
  • Lebensmittel, die die „Berliner Tafel“ pro Jahr in Supermärkten und Fabriken abholt:
    15.000 Tonnen. Das entspricht mehr als 500 Lkw-Ladungen.
  • Menge, die der Handel pro Kunde vernichtet:
    ca. 50 Kilogramm im Jahr
  • Menge, die die Konsumenten jährlich in den Haushaltsmüll werfen:
    ca. 100 Kilogramm pro Person
  • Wert der Lebensmittel, die in Deutschland jährlich von Haushalten weggeworfen werden:
    zehn bis 20 Milliarden Euro (pro Haushalt ca. 400 Euro)
  • Essbarer Lebensmittel-Anteil im Haushaltsmüll: ca. zehn Prozent (originalverpackte und angebrochene Lebensmittel, ohne Speisereste)
  • Altbrot-Retouren der Bäckereien:
    ca. 500.000 Tonnen pro Jahr (knapp zehn Prozent der Gesamtproduktion). Ganz Niedersachsen könnte damit versorgt werden. Für die Produktion der „Müll-Brote“ wird eine Fläche von 200.000 Hektar benötigt und eine Menge an Treibhausgasen in die Atmosphäre geblasen, die den Emissionen von 300.000 Autos entspricht.
  • Eine Halbierung des Lebensmittel-Mülls würde eine Verringerung der weltweiten Treibhausgas-Emissionen um zehn Prozent bedeuten – als würde jedes zweite Auto von den Straßen entfernt.

    (Zahlen hochgerechnet aus österreichischen, amerikanischen und britischen Studien)

Die Briten haben es genau ausgerechnet. An jedem einzelnen Tag landen dort allein im Haushaltsmüll durchschnittlich:

  • 4,4 Millionen Äpfel,
  • 2,8 Millionen Tomaten,
  • 1,3 Millionen ungeöffnete Joghurts,
  • 1,2 Millionen Würstchen,
  • 700.000 Tafeln Schokolade,
  • 300.000 Fertiggerichte.

Text: Thurnfilm / NDR