Unser Lebensstil
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„Die Erde bietet genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht genug für jedermanns Gier.“ Mahatma Gandhi

Es ist eine einfache biologische Tatsache, dass jeder Mensch von seinem Stoffwechsel lebt. Er tauscht sich stofflich mit seiner Umgebung aus, führt Nahrung, Wasser und Sauerstoff zu sich. Im übertrageneren Sinne kann man zum menschlichen Stoffwechsel auch seine Bedürfnisse nach Bekleidung, Unterkunft, Hygiene und nach Mobilität zählen. Und wenn der biblische Satz „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (Matthäus 4,4) stimmt, kommen auch noch soziale und kulturelle Bedürfnisse hinzu: Nach dem Austausch mit anderen Menschen, nach Bildung, Kunst und Kultur, nach Religion und Spiritualität sowie nach Meinungsfreiheit und Teilhabe an der Gesellschaft.

All dies sind Bedürfnisse, die jeder Mensch auf unserer Erde hat. Es sind Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben, auf das jeder und jede ein Recht, ja sogar ein Menschenrecht hat.

Die allermeisten dieser Erfordernisse verbrauchen Rohstoffe. Wenn wir essen, verzehren wir pflanzliche und oft auch tierische Nahrungsmittel. Wenn wir uns anziehen, brauchen wir Stoff aus Baumwolle, Wolle oder Kunstfasern. Wir duschen und benötigen dafür Wasser, Heizenergie und Shampoo. Zum Wohnen verwerten wir ein Grundstück und Baustoffe, danach Energie zum Beheizen. Wenn wir uns mit dem Auto bewegen, verbrauchen wir nicht nur Benzin, sondern auch viel Fläche für Straßen, außerdem Metall, Kunststoff, Glas und Energie, um das Fahrzeug zunächst herzustellen. Auch das Zeitungslesen, das Internet, das Hören von Musik und der Besuch im Kino verbrauchen Ressourcen. Es geht nicht ohne.

Unsere Erde und ihre Natur könnten die von den Menschen verbrauchten Ressourcen eigentlich wieder regenerieren. Verschmutztes Wasser wird in der Erde gefiltert, verbrauchte Luft von den Wäldern wieder mit Sauerstoff versehen. Unsere Nahrung wird jedes Jahr auf’s Neue geerntet, weil die Böden das Pflanzenwachstum ermöglichen. Mineralien könnten recycelt werden. Erneuerbare Energie ist im Überfluss vorhanden, wird aber noch nicht zu 100 Prozent genutzt. Noch verlässt der Mensch sich auf die begrenzten fossilen Energieträger wie Erdöl und Kohle.

Angesichts des immer weiter steigenden Verbrauchs von Rohstoffen durch gegenwärtig sieben Milliarden Menschen ist unser Planet zunehmend überfordert. Er ist nicht mehr in der Lage, alle genutzten Ressourcen wiederherzustellen. Die Menschheit – vor allem die Menschen der Länder des Nordens wie beispielsweise Deutschland – verbraucht mehr, als die Erde nachhaltig regenerieren kann. Nachhaltig bedeutet, dass wir Menschen nur so viele Rohstoffe nutzen, wie sich auch wieder erneuern. So hätten auch die kommenden Generationen unserer Kinder und Enkel die Möglichkeit eines guten Lebens wie wir.

Ein überforderter Planet

Das „Raumschiff Erde“ stellt uns jedes Jahr eine bestimmte Menge an erneuerbaren Rohstoffen zur Verfügung. Wir haben diese Menge aber bereits schon nach acht statt zwölf Monaten verbraucht. Für die restlichen vier Monate zehren wir von der Substanz der Erde, die sich nicht wieder regeneriert. Eine Tendenz, die auf Dauer fatal sein wird.

Wie viele Ressourcen darf jeder Mensch eigentlich verbrauchen, wenn diese sich vollständig wieder erneuern sollen?
Wie unterschiedlich Menschen in der Welt mit den ihnen zur Verfügung stehenden Rohstoffen umgehen, zeigt der sogenannte ökologische Fußabdruck. Dafür haben WissenschaftlerInnen berechnet, wie viel Naturfläche für jeden Menschen zur Verfügung stehen müsste, um das Verhältnis von Verbrauch und Regeneration in einem Gleichgewicht zu halten. Der Verbrauch wird im Flächenmaß Hektar (ha, 100 x 100 m = 10.000 qm) angegeben. Für diese Berechnungen werden die Mengen des CO2-Ausstoßes, der Rohstoff-Aufwand für Ernährung, für das Wohnen sowie für Konsum und Dienstleistungen jedes einzelnen Bewohners zugrunde gelegt.

grafik-fussabdruckIm Weltdurchschnitt ist der aktuelle ökologische Fußabdruck eines jeden Menschen ca. 2,3 ha groß. Er entspricht also der Erneuerungsfähigkeit einer Naturfläche von 100 x 230 Metern, so groß wie drei Fußballfelder. Die Natur kann aber gegenwärtig nur Ressourcen zwischen 1,5 und 1,8 ha, gut zwei Fußballfelder, zur Verfügung stellen und regenerieren. Sie ist somit schon zu 25 bis 50 Prozent übernutzt. Um so weiterleben zu können wie bisher, müssten die Menschen einen zusätzlichen halben Planeten Erde zur Verfügung haben.

Je nach dem, in welchem Land der Welt du lebst, ist dein ökologischer Fußabdruck größer oder kleiner als der Durchschnitt. Den größten ökologischen Fußabdruck haben die US-AmerikanerInnen. Der Fußabdruck eines Menschen aus den USA ist knapp zehn ha groß, also so groß wie 14 Fußballfelder. Jede/r Deutsche hat durchschnittlich einen ökologischen Fußabdruck von knapp sechs ha (100 x 600 Meter).

Leben auf großem Fuße

Die Menschen in den so genannten Industrieländern hinterlassen mit ihrem Lebensstil zu große Fußabdrücke in der Natur. Sie kann diesen Verbrauch nicht wieder herstellen und kommenden Generationen anbieten. Eigentlich bräuchten wir Menschen aus den reichen Ländern des Nordens daher drei bis vier Erden, um die von uns hinterlassenen ökologischen Abdrücke auszugleichen.

laender-fussabdruckBrasilien, ein so genanntes Schwellenland, hinterlässt beispielsweise - bei steigender Tendenz - einen Fußabdruck von 2,4 ha. Jede/r BrasilianerIn liegt damit zwar etwa im Weltdurchschnitt, aber dennoch schon deutlich über der Biokapazität. Andere Schwellenländer, wie China, hinterlassen zwar noch einen unterdurchschnittlichen Fußabdruck (ca. 1,4 ha), doch durch die dort immer stärker wachsende Industrie wächst auch der ökologische Fußabdruck der ChinesInnen rasant.

Noch auf der verträglichen Seite stehen die ärmeren, so genannten Entwicklungsländer. Dazu zählen auch die Philippinen. Jede/r Philippin@ hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck von 1,2 ha. Diesen Verbrauch kann die Natur noch ausgleichen. Den weltweit kleinsten Abdruck hinterlassen die Menschen aus Bangladesch. Ihr ökologischer Fußabdruck ist gerade mal 0,5 ha, also weniger als ein Fußballfeld groß.

Die Zahlen zeigen: Die so genannten Industrie- und Schwellenländer nutzen ein Vielfaches mehr an Ressourcen, als die Natur bieten kann. Da viele Rohstoffe aus Entwicklungsländern ausgeführt und von den Industrieländer importiert werden, übernutzen die Länder des Nordens die Ressourcen der Erde auf Kosten der Länder des Südens. Hinzu kommen Auswirkungen des Klimawandels, die vom Fußabdruck nicht erfasst werden: Verursacht durch den hohen Energieverbrauch im Norden trifft er überwiegend die Menschen im Süden der Welt.

Klimagerechtigkeit?


Die Folgen des Klimawandels treffen die ärmeren Länder im Süden der Welt am stärksten, obwohl sie mit ihrem geringen Energieverbrauch am wenigsten dazu beigetragen haben. So hat beispielsweise die Stadt Köln in den letzten Jahren ihren Schutz gegen befürchtete kommende Rheinhochwasser verstärkt. Allein für daas Absichern dieser einzelnen deutschen Stadt wurden 400 Millionen Euro ausgegeben.
Arme Länder wie Bangladesch, die Malediven und andere pazifische Inselstaaten, die bedroht sind, vom beginnenden Meeresanstieg völlig oder zu großen Teilen überflutet zu werden, träumen von solchen Summen, mit denen sie ihre Bevölkerung schützen könnten.

Auf den Philippinen wurden in den letzten Jahren deutlich häufiger Wirbelstürme registriert, die mit viel mehr Wucht, höheren Windgeschwindigkeiten und erheblich größeren Regenmengen über den Inselstaat ziehen. Besonders betroffen von den Folgen sind die Ärmsten der Armen, die BewohnerInnen der Elendsviertel. Ihre unbefestigten Wellblech- und Bretterhäuser können den immer stärker werdenden Regenmengen und Stürmen nicht mehr standhalten. Ihr ohnehin weniges Hab und Gut wird dann zerstört. Sie haben auch nicht das Geld, um sich gegen Überschwemmung und Zerstörung versichern zu können.
Der Bau von öffentlichen Schutzbauten, wie sie beispielsweise im Süden der USA weit verbreitet sind, ist so teuer, dass es sich die Philippinen nicht leisten können.

Lifestyle


Die Lebenswelten der Menschen in den verschiedenen Ländern der Welt sind durch Produktion, Handel und Konsum miteinander vernetzt. Je nachdem, aus welchen Ländern die Rohstoffe für Produkte stammen, beeinflusst das Konsumverhalten eines Menschen aus Deutschland beispielsweise die Lebenswelt eines Menschen von den Philippinen.

Besonders die Menschen in den so genannten Industrieländern, aber auch die wohlhabenden Mittel- und Oberschichten der Länder des Südens führen einen sehr rohstoffintensiven, verschwenderischen Lebensstil. Viele Produkte in übergroßer Vielfalt und mit kurzen Lebenszyklen drängen auf den Markt und in die Einkaufskörbe der Menschen.

So gilt es in Deutschland für viele Jugendliche als normal, beispielsweise jedes Jahr ein neues Handy zu erhalten. Spezielle Verträge machen es möglich. Vergessen wird dabei, dass jedes neu hergestellte Mobiltelefon aus Rohstoffen besteht. Diese müssen – wenn alte Handys nicht recycelt werden - immer wieder neu abgebaut werden. Ähnliches gilt für den Modemarkt. Zu jeder Jahreszeit hängen in den Läden neue T-Shirts, Hosen und Pullover. Die Schränke vieler Menschen sind überfüllt mit Kleidungsstücken, die nur wenige Male getragen werden. Und dennoch kaufen wir weiter, denn schon im nächsten Jahr gelten sie als unmodern. Dass für jedes T-Shirt neue Baumwolle nachwachsen muss und dafür jeweils mehr als 4.000 Liter Wasser benötigt werden, wissen die wenigsten.

Müssen wir 1,5 Tonnen Stahl bewegen, nur um etwas bequemer unsere Brötchen mit dem Auto einzukaufen? Müssen Fernseher, PC und Kaffeemaschine im Stand-By-Modus unnötig Strom verbrauchen? Muss Deutschland noch mehr Kraftwerke für fossile Energie errichten, obwohl mit Sonne, Wasser und Wind ausreichend erneuerbare Energien zur Verfügung ständen? Muss ein Auto 220 Stundenkilometer fahren können, um einen Menschen von A nach B zu transportieren? Rechtfertigt das Vergnügen eines Shopping-Trips nach Mailand den hohen Verbrauch an Flugbenzin? Ist es notwendig, dass bis zur Hälfte unserer Lebensmittel einfach weggeworfen werden? Brauchen Menschen zwei Handys gleichzeitig? Müssen wir uns jedes Jahr komplett neu einkleiden?

Wozu das alles?

Menschen konsumieren, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen und fragen sich dabei selten: Werden durch immer mehr und verschwenderischen Konsum und Verbrauch wirklich meine Bedürfnisse gedeckt? Wie sieht die Lebensqualität aus, die ich anstrebe, und wie kann ich sie erreichen? Ist das Streben nach Zufriedenheit und Glück gleichbedeutend mit dem Streben nach Reichtum?

Philippinisches MädchenEng mit diesen Fragestellungen zusammen hängt die Vorstellung, dass Geld und Besitz allein glücklich machten. Üblicherweise wird das Wohlergehen eines Landes mit dem statistischen Bruttonationaleinkommen (BNE, früher: Bruttosozialprodukt, BSP) angegeben, also der Summe aller Waren und Dienstleistungen, die gehandelt werden. Das BNE ist die Richtschnur für das meiste wirtschaftliche Denken und auf sein Wachstum ist fast alle Politik ausgerichtet.

Es stimmt: Nur wenn die Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Gesundheit, Kultur und Bildung erfüllt werden, kann Lebensqualität einkehren. Was ist, wenn das BNE in einem Land so gering ist, dass es diesen Bedürfnissen nicht gerecht werden kann? Das deutsche BNE pro Kopf betrug 2008 knapp 35.000 Dollar und kann damit die menschlichen Bedürfnisse mehr als befriedigen. Auf den Philippinen lag das BNE im selben Jahr bei nur 1.625 Dollar. Dass es schwierig für viele Menschen auf den Philippinen wird, mit diesem Betrag ihre Bedürfnisse ausreichend zu befriedigen, steht außer Frage.

Das (Nicht-)Vorhandensein von Geld gibt keine ausreichende Auskunft über den Stand der Entwicklung in einem Land. Deshalb geben die Vereinten Nationen in jedem Jahr den Human Development Index (HDI) heraus. Er berechnet sich nach der Kaufkraft, der Lebenserwartung und dem Bildungsstand eines Landes und gilt als Maßstab für die menschliche Entwicklung und das Wohlergehen der Gesellschaft eines Landes. Deutschland liegt 2009 hierbei in der Spitzengruppe auf Rang 22, die Philippinen im Mittelfeld auf Platz 105 von 182 Staaten.

Doch Geld allein macht nicht langfristig glücklich. Untersuchungen ergaben, dass sich einerseits wachsender Reichtum und andererseits die Lebensqualität auseinander entwickeln.
Ein BNE von etwa 7.000 – 10.000 Dollar pro Kopf sind im Weltdurchschnitt die Grenze, ab der ein höheres Wirtschaftswachstum nicht mehr automatisch zu mehr Zufriedenheit der Menschen führt.

Denn es gibt zahlreiche Bereiche von Lebensqualität, die weder vom BNE noch vom HDI beschrieben werden: Ein funktionierendes soziales Umfeld, eine intakte Familie, Zufriedenheit bei der Arbeit, eine gute Wohnsituation, Sicherheit vor Kriminalität, eine gesunde Natur mit Erholungsmöglichkeiten, und Angebote von sinnstiftender Kultur.

Wo ist das glücklichste Land der Welt?

In Deutschland beispielsweise hat sich das BNE in den letzten 30 Jahren verdreifacht. Der Grad der Lebenszufriedenheit ist hingegen unverändert geblieben. Ähnliche Ergebnisse haben Studien auch in vielen anderen reichen Ländern ergeben, in Japan und Europa. In den USA sank die Zufriedenheit sogar, obwohl sich das BNE seit 1950 mehr als verdoppelte.

Das enorme Wirtschaftswachstum und die Anhäufung des Wohlstands in den Industrieländern führten – nicht nur im Norden der Welt – zwar zu einer massiven Schädigung der Natur, nicht aber zu einer höheren Lebensqualität.
Umgekehrt gilt: Wohlbefinden und Zufriedenheit ist in jenen Gesellschaften und Ländern am höchsten, die zwar die grundlegenden Bedürfnisse erfüllen, aber nicht unbedingt den allerhöchsten finanziellen Wohlstand bieten.

happyness-indexDie Ergebnisse der internationalen vergleichenden Forschung zum Thema „Glück und Zufriedenheit“ sind erstaunlich. Das glücklichste Land der Welt ist Costa Rica in Zentralamerika, gefolgt von mehreren anderen mittelamerikanischen Staaten, ergibt der sogenannte „Happy Planet Index“ (HPI) in seiner zweiten Untersuchung.

Genau genommen sagt der HPI allerdings nicht nur aus, wie wohl sich die Bewohner eines Landes fühlen, sondern auch, wie ausgewogen das Verhältnis von Lebensqualität und Naturverbrauch ist. Er führt in seinen Bewertungen drei Kategorien zueinander: Die durchschnittliche Lebenserwartung, die Lebenszufriedenheit und den ökologischen Fußabdruck. Zu den starken Abwertungen bei den Industrieländern führen die hohen ökologischen Fußabdrücke. Der Happy Planet Index beantwortet daher auch die interessante Frage, wie gut es der Erde mit ihren menschlichen Bewohnern geht.

Die Philippinen liegen beim HPI auf Platz 14 von 143 Ländern, also bei den glücklichsten zehn Prozent. Das reiche Deutschland hingegen liegt im Mittelfeld auf Platz 51 als zweitglücklichstes Industrieland. Die USA liegen auf Platz 114 und das reichste europäische Land, Luxemburg, auf Nummer 122. Die letzten Plätze belegen die Länder, in denen sehr viele Menschen von weniger als einem Euro pro Tag, also in absoluter Armut, leben müssen.