Entwicklung
Menschenskinder - Bevölkerungspolitik in den Philippinen Drucken E-Mail

Eine philippinische FamilieDie philippinische Bevölkerung wächst. Gab es im Jahre 1980 erst 48 Millionen Filipinos und Filipinas und im Jahre 2000 „nur“ 78 Millionen, so waren es im Jahre 2008 bereits 90,4 Millionen. Dass die Bevölkerung wächst, liegt unter anderem an einer verbesserten Basisgesundheitsversorgung, so dass die Kindersterblichkeit sinkt (2008: 32 von 1000) und die Lebenserwartung steigt (2008: 72 Jahre), so die Weltbank.

Kinder gelten in den Philippinen als „Geschenke Gottes“. Viele Männer meinen, je mehr Kinder sie gezeugt haben, desto mehr haben sie ihre Männlichkeit unter Beweis gestellt. Und für die allermeisten Frauen ist es undenkbar keine Kinder zu bekommen. Denn erst das Muttersein, so die gesellschaftlich bestimmende Auffassung, macht aus einer Frau eine „richtige Frau“.

Doch der Kindersegen kann auch leicht zur unbezwingbaren Herausforderung werden, wenn nicht alle Kinder ausreichend ernährt werden können. Das schnelle Bevölkerungswachstum hat auch zur Folge, dass soziale Dienstleistungen und öffentliche Infrastruktur noch unzureichender sind als ohnehin schon. „Kinder aus größeren Familien sind schlechter in der Schule, haben mehr Krankheiten und verfügen über eine schlechtere körperliche Konstitution. Mit jedem zusätzlichen Kind stehen weniger Mittel, weniger Nahrung und weniger Zeit für das einzelne Kind zur Verfügung.“, so die Asiatische Entwicklungsbank. Zudem kann der philippinische Arbeitsmarkt nicht so viele Menschen aufnehmen wie jährlich die Schule abschließen. »Die philippinische Wirtschaft kann jährlich nur etwa 600.000 Arbeitsplätze neu schaffen, die Zahl der zusätzlich auf den Arbeitsmarkt drängenden jungen Menschen liegt jedoch zwischen 1,2 und 1,4 Millionen«, so der Präsident des philippinischen Arbeitgeberverbandes, Donald Dee. Einziger Ausweg scheint die Arbeits- und Heiratsmigration ins Ausland zu sein.

Auf den Philippinen scheint es einen klaren Zusammenhang zwischen  Armut und Kinderreichtum zu geben. Aber: Es ist nicht so, dass viele Kinder in die Armut führen oder anders gesagt: Das Bevölkerungswachstum ist nicht der Hauptgrund für die Armut. Sondern es ist vielmehr andersrum. Armut und mangelnde soziale Sicherung sind ein entscheidender Grund für das hohe Bevölkerungswachstum. Für arme Familien bedeuten viele Kinder auch Vorsorge gegen Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter. Sie können anders als bessergestellte Familien im Notfall oder im Alter kaum auf Ersparnisse oder eine ausreichende Sozialversicherung zurückgreifen. Je mehr Familienmitglieder es gibt, die arbeiten oder in Zukunft arbeiten werden, als desto verlässlicher gilt das ‚Sozialamt Familie’, das in sozialen Notlagen einspringt. Diejenigen, die über mehr Geld verfügen und mit einer sichereren Zukunft rechnen können, haben auch deswegen meist weniger Kinder. So ist es also weniger das Bevölkerungswachstum, sondern sind es eher die beharrliche soziale Ungleichheit und die fehlenden Lebenschancen, welche die Menschen arm bleiben lässt.

Verhütung wird verhütet

Der tatsächliche Kinderreichtum einer philippinischen Familie stimmt oft nicht mit dem eigentlichen Kinderwunsch der Mütter überein. Dennoch wollen im Ganzen gesehen Frauen weniger Kinder bekommen als sie tatsächlich haben. Der Weltbank zufolge bekam eine philippinische Frau 2008 durchschnittlich 3,1 Kinder. Im Durchschnitt wünschte  sie sich aber nur zwei bis drei Kinder zu bekommen. Jede zweite Schwangerschaft und jede dritte Geburt in den Philippinen sind „ungeplant“, fast jede sechste Geburt „ungewollt“ (The Philippine Star, 15.1.2010).

Während Frauen aus der kleinen Mittelschicht in der Regel nur ein bis drei Kinder haben und damit nicht mehr als sie auch wünschen, ist das Gefälle zwischen erwünschter und tatsächlicher Kinderzahl unter armen Frauen besonders ausgeprägt. Sie haben oft fünf oder sogar acht Kinder - und damit im Durchschnitt zwei mehr als sie wollen. Das hat auch viel damit zu tun, dass arme Familien sich keine Verhütungsmittel leisten können. Und von wenigen Stadtverwaltungen abgesehen, weigert sich der philippinische Staat, hier auszuhelfen, etwa indem Pillen oder Kondome in den lokalen Gesundheitsstationen kostenlos oder zu einem erschwinglichen Preis verfügbar gemacht werden. Auch eine Beratung bei der Familienplanung bzw. Informationen über Möglichkeiten der Verhütung sind hier oft nicht zu bekommen.

Dies hat ganz viel damit zu tun, dass Politiker und Politikerinnen den Konflikt mit der katholischen Kirchenhierarchie fürchten. Sie verbietet die Verwendung künstlicher Verhütungsmethoden und kämpft in zahlreichen Großkampagnen hart gegen die Verbreitung moderner Methoden der Familienplanung an. So ist es ihr bis heute gelungen, die Verabschiedung eines Familienplanungsgesetzes (des so genannten Reproductive Health Bills) zu verhindern, das die Empfängnisverhütung auch für die Armen bezahlbar machen und Sexualaufklärung in den Schullehrplänen verankern soll. Und dass obwohl 87 Prozent der Bevölkerung dafür sind, dass der Staat Gelder für Verhütungsmittel bereitstellt.
Verhütung ist mittlerweile ein Thema, über das man in den Philippinen reden darf. Es dürfte immer weniger Frauen geben, die sich nicht trauen zu verhüten, weil sie Angst haben, dass der Pfarrer sie in der Predigt dafür schelten wird. Für Männer ist das Thema allerdings meist stärker tabuisiert. Kaum ein Mann geht in eine Apotheke und fragt dort nach Kondomen, dies ist nach wie vor Frauensache.

Abtreibung

Abtreibung dagegen ist – ähnlich wie das Thema Scheidung - in den Philippinen ein Tabuthema. Sie ist in allen Fällen verboten – selbst im Falle einer Vergewaltigung oder wenn Gefahr für Leib und Leben der Mutter droht. Nur in wenigen Ländern in der Welt herrscht ein solch ausnahmsloses Abtreibungsverbot wie in den Philippinen. Wer sich für eine Aufhebung dieses Totalverbots einsetzt, kann damit rechnen, sich als “Mörder” beschimpfen lassen zu müssen. Dabei brachen in den Philippinen nach Angaben des Center for Reproductive Rights im Jahre 2008 etwa eine halbe Millionen Frauen eine Schwangerschaft ab. Auf fünf Schwangerschaften kam eine Abtreibung. Wegen des absoluten Abtreibungsverbots waren diese Frauen gezwungen, die Abtreibungen heimlich entweder selbst durchzuführen oder zu unqualifizierten „Heilerinnen“ zu gehen. 90.000 Frauen klagten danach über solche Komplikationen, dass sie sich in ärztliche Behandlung begeben mussten, wo sie oft sehr unwürdig behandelt wurden. Zahlen des Gesundheitsministeriums zeigen, dass von 1994 bis 1998 Abtreibungen und dabei auftretende Komplikationen die dritthäufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte in staatlichen Krankenhäusern waren und lediglich von normalen Geburten und Lungenentzündungen übertroffen wurden.

Jährlich sterben in den Philippinen mindestens 1000 Frauen an den Folgen einer Abtreibung. Jeder fünfte Fall von Müttersterblichkeit ist darauf zurückzuführen. Dabei zeigen weltweite Vergleiche, dass Frauen, die abtreiben, so verzweifelt sind, dass ein Verbot sie davon nicht abhalten kann. Abtreibungsverbote retten also kaum ein einziges Leben eines Ungeborenen, sie lassen aber weltweit jährlich ca. 600.000 Frauen sterben, weil diese keinen Zugang zu sicheren Formen der Abtreibung haben. Der kostenlose bzw. - günstige Zugang zu Verhütungsmitteln für alle Männer und Frauen hingegen wäre die wichtigste Art und Weise, diese Abtreibungen erst gar nicht nötig zu machen. Eine von der philippinischen Regierung eingesetzte Bevölkerungskommission erklärt, dass die meisten Abtreibungen auf den erzwungenen Geschlechtsverkehr innerhalb von Partnerschaften zurückzuführen sind. Laut dieser Kommission haben immer noch Männer das Sagen hauptsächlich, wenn es um das ‚Wann’ und ‚Wie oft’ von Sex geht. Frauen akzeptieren dies oft als ihre „ehelichen Pflicht“– und wenn nicht hilft ihr Partner nicht selten mit Gewalt nach.

Statistische Informationen im Vergleich
Philippinen  
Deutschland
Bevölkerung 2000 (in Mio.)  
78   
82
Bevölkerung Mitte 2010 (in Mio.)     94   
81,6
Bevölkerungsprojektion (in Mio.) 2025    117,6  
79,7
Bevölkerungsprojektion (in Mio.) 2050    140,5  
71,5
Bevölkerung pro Quadratkilometer 2010   313   
229
Geburten pro 1.000 Einwohner    26   
8
Todesfälle pro 1.000 Einwohner     5   
10
Gesamtfruchtbarkeitsrate     3,2  
1,3
Bevölkerung jünger als 15 Jahre (in %)    33  
14
Bevölkerung älter als 64 Jahre (in %)    4   
20
Lebenserwartung – männlich    70   
77
Lebenserwartung – weiblich    
74   
82
Städtische Bevölkerung (in %)   
63   
73
Verheiratete Frauen, 15-49 J., die Familienplanung anwenden   
51   
70
Verheiratete Frauen, 15-49 J., die Familienplanung anwenden - nur moderne Methoden  
34  
66

Quelle: Deutsche Stiftung Weltbevölkerung 

Autor: Niklas Reese