Entwicklung
Mangelhaft! Der Zugang zu Bildung Drucken E-Mail
AusbildungsdiplomBildung ist auf den Philippinen sehr wichtig. Sie gilt als bester Weg aus der Armut, als Mittel für sozialen Aufstieg und gesellschaftliches Ansehen. Deshalb versuchen Eltern ihren Kindern so viel Bildung wie möglich mitzugeben. Und es macht sie stolz, wenn es ihnen gelingt, ihrem Kind sogar eine College-Ausbildung oder gar ein Universitätsstudium ermöglichen zu können. Dafür sind zahlreiche Eltern bereit, hohe Kredite aufzunehmen. Diplome und Abschlussfotos hängen in vielen kleinen Hütten allseits sichtbar an der Wand.

Kinder wiederum fühlen sich ihren Eltern gegenüber zu besonderem Dank verpflichtet. „Die ersten Jahre deiner Karriere gehören den Eltern und deinen jüngeren Geschwistern“, hört man häufig. Welches Studium man aufnimmt, welchen Beruf man ergreift, ob man sich zur Migration entschließt - all dies wird maßgeblich von diesem sozialen Maßstab mitbestimmt. „Die wichtigste Rolle eines Kindes“, so die Soziologin Belen Medina, „ist es, ein fleißiger Schüler oder Student zu sein.“

Das Bildungssystem

Das philippinische Bildungssystem ist dem der ehemaligen Kolonialmacht USA nachempfunden: auf sechs Jahren Grundschule folgen vier Jahre Sekundarschule (englisch: High School). Schüler und Schülerinnen mit einem High School-Abschluss können sich an einem College bewerben. Das College ähnelt einer deutschen Berufsschule. Einige Studiengänge an der Universität setzen einen College-Abschluss voraus, für andere kann man sich schon mit einem High School-Abschluss bewerben.

Das philippinische Schulsystem ist mit ungefähr 16 Millionen Schülern, 440.000 Lehrern und 48.000 Schulen eines der größten zentralverwalteten der Welt. Die staatliche Grund- und Sekundarschulbildung in den Philippinen ist kostenlos. Daher liegt die Analphabetenrate bei bloß 4,1 Prozent. Doch auch wenn keine Schulgebühren bezahlt werden müssen, ist Bildung mit vielen Kosten verbunden, wie Uniformen, Schulmaterial, Fahrtkosten. Dennoch können 46,5 Prozent der Schulanfänger/innen die High School erfolgreich abschließen. Doch bloß 68,2 Prozent beenden überhaupt die sechsjährige Grundschule.
Das Niveau der öffentlichen Schulen (die 80 Prozent der Primär- und Sekundarschüler/innen aufnehmen) liegt allerdings unter dem von privaten Schulen, für die gilt: je teurer, desto besser. Viele Sekundarschulen, fast alle Hochschulen (Colleges und Universitäten) befinden sich in privater und kommerzieller Trägerschaft. Während die philippinische Mittelklasse und die Oberschicht ihre Kinder in gute Bildungseinrichtungen (sogar ins Ausland) schicken können, gibt es in jedem dritten philippinischen Dorf bzw. Stadtteil (Barangay) nicht einmal eine Grundschule. Und in vielen Orten gehen die Grundschulen nur bis zur vierten statt wie vorgesehen zur sechsten Klasse.

Arme Kinder haben nur dann Zugang zu kostenpflichtiger qualifizierter und höherer Bildung, wenn sie eines der seltenen Stipendien erhalten oder eine Stelle als Werkstudent (englisch: working students) finden. Obwohl die Grundschulbildung kostenlos ist, ist es für den ärmeren Teil der Bevölkerung schwer, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen. Sie lernen zwar lesen und schreiben, können aber oft aufgrund der Kosten keine höhere Bildung erlangen. Die unzureichende Bildung zwingt sie dazu, niedrig bezahlte unregelmäßige Arbeit anzunehmen, das geht oft einher mit einer frühen Heirat und zahlreichen Kindern. Die Studiengebühren der philippinischen Eliteuniversitäten oder von US-amerikanischen Universitäten des Landes können sie sich erst recht nicht leisten. Es sei denn, sie bestehen die Aufnahmeprüfungen, mit denen Stipendien für Unterprivilegierte verbunden sind. Diese Tests können aber in der Regel nur von denen bestanden werden, die schon eine gute Primär- und Sekundärbildung genossen haben. Für die übrigen Studierenden bleiben da nur die mittelmäßigen Colleges und Universitäten, die sich in einem Stadtteil von Metro Manila häufen.

Emmanuel M. Hizon, "Freedom from Debt Coalition" (FDC):
"Die philippinische Regierung hat noch nie genug Geld für die Finanzierung von Bildungsprogrammen gegeben. Das lässt sich damit erklären, dass die Philippinen wohl das einzige Land der Welt sind, das über ein Gesetz verfügt, welches automatisch Gelder für die Schuldentilgung bereit stellt. Dieses Gesetz ist in der neuen Verfassung von 1987 festgeschrieben, die von der Regierung Aquino verkündet wurde. Schon seit ewigen Zeiten gibt die Regierung immer weniger für Gesundheit, für Unterkünfte und für Bildung aus, denn 30 bis 40 Prozent unserer Staats-Ressourcen, unseres Geldes, werden automatisch der Schuldentilgung zugewiesen. Und das sind Schulden, von denen wir viele als illegitim und erdrückend ablehnen.
Verschiedene Statistiken nennen für 2006 oder 2007 eine Zahl von 4,7 Millionen Jugendlichen im ganzen Land, die keinen Schulabschluss haben. Diese Zahlen beziehen sich auf Daten der Regierung, darum halten wir sie eher für grobe, zu niedrig angesetzte Schätzungen. Einige Jugendorganisationen nennen für 2007 eine Anzahl von 7 bis 8 Millionen Jugendlicher ohne Schulabschluss. Ein weiterer Punkt ist, dass Studien- und andere Gebühren weit über das wirtschaftliche Leistungsvermögen von Familien aus der Arbeiterklasse heraus ansteigen. Einfach gesagt: wir haben steigende Arbeitslosenzahlen, mehr Jugendliche ohne Schulabschluss, eine Erhöhung der Studien- und sonstigen Schulgebühren und weniger staatliche Zuschüsse für Universitäten und Colleges." http://fdc.ph

 

Lehrer und Lernbedingungen

Die Lehrer und Lehrerinnen arbeiten im so genannten öffentlichen Sektor. Die Bezahlung ist selten ausreichend, weshalb auf schlecht ausgebildetes Lehrpersonal zurückgegriffen wird. Lehrer stammen vorwiegend aus dem Drittel der Hochschulabsolventen mit der schlechtesten Abschlussnote. In vielen High Schools wissen die Lehrer – gerade in Mathematik und Naturwissenschaften – kaum mehr als die eigenen Schüler. Da ihr Gehalt mit durchschnittlich 10.500 Pesos (150 €) zu niedrig ist, um davon den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu können, müssen viele Lehrer zusätzlich Feierabendjobs (englisch: moonlighting) nachgehen. So ist es keine Seltenheit, dass Lehrer des Öfteren der Schule fernbleiben.
Schlechte Unterrichtsbedingungen verschlimmern die Situation an den öffentlichen Schulen. Der Human Development Report der UNDP berichtet, dass 1998 10.000 Lehrer und 21.000 Klassenzimmer fehlten. Sechs bis acht Schüler müssen sich durchschnittlich ein Schulbuch teilen. Pro Schüler stand jährlich ein Betrag von 10 Pesos zur Verfügung, wovon sich ein halbes Schulbuch beschaffen lässt.

Kolonialisierung der Köpfe

SchülerDie Beherrschung der englischen Sprache ist auf den Philippinen eine Sache des Ansehens und auf dem Arbeitsmarkt ebenfalls von hohem Vorteil.
Es waren die USA, die das öffentliche Bildungswesen eingeführt haben, als sie 1898 das Inselreich eroberten, die erste philippinische Republik re-kolonialisierten und Englisch zur Unterrichtssprache machten. Englisch wurde zur Sprache der Gebildeten, der Mittelklasse, des öffentlichen Raumes. Noch heute erscheinen die wichtigsten Zeitungen des Landes in Englisch. Englisch ist die Geschäftssprache und die philippinische Elite spricht Englisch untereinander. Das geht so weit, dass sich in philippinischen Veröffentlichungen zahlreiche hochgestochene englische Wörter finden, die man kaum in amerikanischen oder britischen Zeitungen finden würde.
Ein großer Teil der weiterführenden Schulen hat den ‚allgemeinen‘, ‚akademischen‘ und ‚literarischen‘ Charakter der elitären Bildung der Oberschicht aus der Kolonialzeit beibehalten. Die Hochschulen produzieren daher sehr viele ‚Generalisten ‘. Diese Alleskönner werden zwar in den Fächern Geistes-, Rechts- oder Sozialwissenschaften bzw. in Naturwissenschaften ausgebildet, aber füllen dann die Reihen der überqualifizierten Verwaltungs- und Büroangestellten, dazu weitet sich die ‚gebildete Arbeitslosigkeit‘ aus. Gleichzeitig werden mehr Ingenieure, Agrartechniker und nicht zuletzt Lehrer aller Stufen dringend gebraucht.

Bildung auf dem Land

In ländlichen Gebieten trifft man – wenn überhaupt – höchstens auf eine Grundschule bzw. eine Gemeinschafts-High School im Stadtkern (tagalog: poblacion) einer Gemeinde oder Stadt, die aus zahlreichen Dörfern (Barangays) bestehen. Oft müssen Kinder einen Fußweg über mehrere Stunden hinter sich bringen, um die Schule zu erreichen. Colleges gibt es ohnehin nur in den mittelgroßen und großen Städten. Für einen College-Besuch fallen als Bildungskosten neben Schulgeld auch Miete und Lebenshaltungskosten an.
Ländliche Gegenden verlieren so die wenigen ihrer gut ausgebildeten jungen Menschen, weil diese meist wegen der besseren Beschäftigungsmöglichkeiten in den Städten wohnen bleiben.
Lehrer haben meist kein Interesse, auf dem Land Stellen anzunehmen, es sei denn, sie kommen selber aus der Gegend. Kein Wunder, dass die Ausbildung auf dem Lande weit hinter der Qualität ihrer städtischen Entsprechung hinterherhinkt.

Sind Mädchen intelligenter?

SchülerinAuf allen Ebenen des philippinischen Bildungssystems gibt es mehr Schülerinnen als Schüler. Jungen müssen häufiger die Klasse wiederholen und brechen die Schulbildung doppelt so häufig ab wie Mädchen. Das College besuchen 23 Prozent mehr Frauen als Männer, 48 Prozent mehr Frauen belegen Aufbaustudien. Während es kaum Unterscheide bei Lese- und Schreibfähigkeiten zwischen den Geschlechtern gibt, konnten 1994 nur 81,7 Prozent der Männer hinreichend rechnen, aber 85,9 Prozent der Frauen. Der Anthropologe Michael Tan ist gar der Meinung, dass „wir aufgrund unserer Art der Kindererziehung sehr verantwortungslose Vertreter des männlichen Geschlechts heranziehen. Sogar in den ärmsten Familien sieht man Mütter ihre Söhne verhätscheln, die dann als Taugenichtse enden und zuerst das Geld ihrer Mütter und später das ihrer Ehefrauen verschwenden. (…) Stipendien sind fast immer besser bei weiblichen Bewerbern aufgehoben. Sie werden rechtzeitig fertig, erreichen gute Noten und nutzen ihre Stipendien auf gescheite Weise. (…) Männliche Stipendiaten sind da anders. Das zusätzliche Geld korrumpieren sie oft. Es geht für Handys oder eine ’gute Zeit’ drauf und das bedeutet schlechte Noten und verspätete Examina.“

Die Begründungen, die gemeinhin für dieses Phänomen ins Feld geführt werden, lassen sich folgendermaßen systematisieren:

  1. Töchter erhalten mehr Bildung, weil sie weniger Land als die Söhne erben. Mädchen besuchen oft noch weiterführende Schulen, während Jungen bereits auf dem Feld mitarbeiten, das ihnen später gehören soll.
  2. Der landwirtschaftliche Sektor bietet Männer mehr Arbeitsgelegenheiten (auch weil sie als körperlich fähiger gelten).
  3. Eltern verlassen sich eher auf ihre Töchter, dass diese fleißig lernen, sich um (besser bezahlte und stetige) Beschäftigung kümmern und ihre Eltern dann im Alter unterstützen. Jungen werden meist stärker als Mädchen als zukünftige Versorger ihrer eigenen Familien gesehen, so dass die Pflicht, die Eltern mit zu versorgen, eher den Töchtern zufällt.
  4. Frauen dürften stärker motiviert sein, die Schule zu besuchen, da Bildung für sie meist die einzige Möglichkeit ist, den traditionellen Rollen als Hausfrau und „mithelfende Familienangehörige“ zu entkommen. Unter den Schulabbrechern geben Jungen als Grund in erster Linie an, dass sie das Interesse verloren haben bzw. arbeiten müssen, während es für Mädchen meist die zu hohen Kosten sind.

Oben genannte Gründe für eine stärkere Bildungsbeteiligung von Mädchen scheinen stärker zu greifen als die durchaus noch weit verbreitete traditionelle Auffassung, dass Mädchen später die Familienarbeit machen sollen und daher gar nicht so viel Bildung bräuchten.
Auch wenn Töchter durchweg besser ausgebildet sind als ihre Mütter, ist dennoch auf dem Arbeitsmarkt ein starker geschlechtsspezifischer „Fahrstuhleffekt“ festzustellen. Frauen arbeiten zwar in qualifizierteren Beschäftigungen als ihre Mütter und verdienen auch mehr, doch die gut bezahlten und einflussreichen Tätigkeiten werden weiterhin überwiegend von Männern ausgeübt.

Fazit

Den meisten, die nicht zu den besten Universitäten gegangen sind, bleibt in den Philippinen wenig anders übrig als unterqualifizierte Jobs wie beispielsweise als Verkäufer anzunehmen - oft ist ein High School-Abschluss bzw. ein „Studium“ sogar ausdrückliche Voraussetzung dafür, überhaupt einen Job zu bekommen. Die vergleichsweise gute Bildung vieler Filipin@s geht mit einem unzureichendem und schlecht entlohntem Arbeitsplatzangebot einher.
Eine College-Ausbildung wird auch immer mehr zur Voraussetzung, um einen Job im Ausland zu bekommen, und sei es als Haushaltsangestellte. In Mindanao kann man im Hauptfach bereits internationale Haushaltführung (englisch: international housekeeping) studieren. Insgesamt migrieren immer mehr Pädagoginnen und Mediziner nach Übersee. Die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte ins Ausland (englisch: brain drain) führt dazu, dass es keine klugen Köpfe zurückbleiben.

Literatur

  • Yvonne T. Chua: Overextended and underfunded - public schools are at the bottom of the academic ladder, pcij.org, Oktober 2003.
  • Randy David: Education and poverty, PDI, 27.2.2005
  • Wolfgang Keck: Bildungschancen für die Ärmsten - Schulprojekte für Kinder und Jugendliche- in südostasien 4/2000, S.63-64
  • Tony Lopez: The sad state of education, Manila Times, 9.7.2004
  • Jose V. Romero Jr.: Hausaufgaben - Probleme und Herausforderungen des philippinischen Bildungssystems, südostasien 3/2002, S. 63
  • Enrique Torres: Right to Education – in: Philippine Alliance of Human Rights Advocates (PAHRA): Human Rights Report 2003. Q.C., 2004.
  • Siehe auch südostasien 3/2002 und philippinen forum Nr. 45, 12/1996, Schwerpunktthema Kinder und Bildung.


Autoren: Niklas Reese und Lilli Breininger