Entwicklung
Eigentumsverhältnisse in den Philippinen Drucken E-Mail
Die Philippinische Elite während einer ParadeDie Familie spielt eine sehr wichtige Rolle im Leben der philippinischen Bevölkerung. Sie stellt die ersten Weichen im Hinblick auf die Klassenzugehörigkeit, Reichtum oder Armut sowie die damit verbundenen Lebenschancen. Über die Verteilung der Lebenschancen entscheiden in den Philippinen Umstände wie Familienkreis und Herkunft, persönliche Beziehungen, Geld, Bildung und Landbesitz. All dies sowie der Zugang zu öffentlichen Ressourcen – von günstigen Finanzmitteln bis hin zu vorteilhaften Aufträgen – ist in wenigen Händen konzentriert.

In den Firmen der fünfzehn reichsten Familien des Landes wird über die Hälfte des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Da wichtige Ressourcen wie Reichtum und Macht immer in der Familie bleiben sollen, werden nicht nur materielle Reichtümer sondern auch politische Positionen von Generation zu Generation weitergereicht. Die Angehörigen einer Familie bilden einen Clan aus Familienmitgliedern mit der gleichen Abstammung. Und da derjenige, der ein politisches Amt gewinnen will, in den Philippinen über viel Geld verfügen muss, ist die philippinische „Demokratie“ in Wirklichkeit eine Herrschaft von wenigen Clans.

Klassengesellschaft

Die Oberschicht besteht zu einem großen Teil aus rund 200 alteingesessenen Familien, deren Macht und Reichtum in der spanischen Kolonialzeit mit ihrem Großgrundbesitz ihren Anfang nahm. Reichere Filipin@s sind es gewohnt, eine oder mehrere Haushaltsangestellte zu beschäftigen, welche die ganze Arbeit im Haus erledigen – wie kochen, Wäsche waschen, putzen oder einkaufen. Viele Wohlhabende stellen auch einen Fahrer ein, der den ganzen Tag abrufbereit den Wagen pflegt und fährt. Reiche Kinder wachsen in einer sehr behüteten Umgebung auf und werden oft verwöhnt. Da es sich für Reiche nicht gehört „dreckige“ Arbeit zu leisten, stellen sie für alle möglichen Arbeiten jemanden ein. Während die Bauern in den Ländern des Nordens ihre Ländereien meist selbst besitzen und bearbeiten, sind die meisten Bauern auf den Philippinen Pächter eines Großgrundbesitzer und sie besitzen höchstens ein winziges Stück eigenes Land nebenbei. Das bedeutet umgekehrt, dass die Bauern und Angestellten immer von dem (meist niedrigen) Lohn, den (langen) Arbeitszeiten und den Regeln der Großgrundbesitzer abhängig sind. Die reichen Familien versuchen ihre Macht und Vorherrschaft über Generationen beizubehalten, und das teilweise schon seit mehreren Jahrhunderten. So entstammt auch der gegenwärtige Präsident Noynoy Aquino aus einer traditionellen Landbesitzerfamilie, die auch eine politische Dynastie aufgebaut hat.


Zur Oberschicht gehören auch viele „Chinoys“ (chinesisch-stämmige Filipin@s), die oft zu den Reichsten im Land zählen. Der chinesisch-stämmige Kaufmann Lucio Tan ist einer der fünf reichsten Filipinos und kontrolliert annähernd 300 Unternehmen. Er gründete in den 1960er Jahren das größte Zigarettenunternehmen, ist ein führender Rum-Erzeuger und Besitzer eines Fünf-Sterne-Hotels, einer Fluggesellschaft, einer landesweiten Bank und vielen anderen Firmen. Allerdings strebt er kaum nach direkter politischer Macht und übt eher im Hintergrund Einfluss auf die Politik aus. Viele der 2,2 Millionen Chinoys, deren Vorfahren seit dem 16. Jahrhundert eingewandert sind, gehören auch zu den Armen. Dennoch werden nur die Reichen wahrgenommen, was mitunter anti-chinesische Stimmungen im Land schürt.

Außerdem gibt es eine (noch) kleine Gruppe von „neuen Reichen“. Sie sind das Produkt einer zaghaften Modernisierung in der Wirtschaft beziehungsweise einer unkontrollierten Schattenwirtschaft.
Die relativ kleine Mittelschicht besteht aus Kleingewerbetreibenden, dem mittleren Management und Angestellten. Sie ist vor allem in den Städten anzutreffen, insbesondere in der Hauptstadt Manila, weil es dort einen großen Verwaltungssektor gibt.

Fliegender HändlerDie große Unterklasse besteht aus Handwerkern, Arbeitern aus dem inoffiziellen Sektor, Slumbewohnern, Land- und Saisonarbeitern. Viele von ihnen leben knapp über oder sogar unter der Armutsschwelle. Ihnen fehlt das Geld, eine ausreichende (Aus-)Bildung zu erhalten; außerdem verfügen sie nur über wenige Beziehungen und stammen aus Familien ohne politischen Einfluss.

Reichtum und Politik

Die Geschichte zeigt: Wohlhabende Familien nutzen gewöhnlich ihre politischen Positionen aus, um ihre eigenen Besitztümer noch zu erweitern. Vorzugsweise werden staatliche Begünstigungen wie vorteilhafte Geldanleihen, günstige Lizenzgebühren, finanzielle Zuschüsse oder Steuerbefreiungen dazu genutzt, das eigene Gewerbe zu fördern oder den Landbesitz auszuweiten.


Durch dieses Vorgehen sind Politik und Wirtschaft eng miteinander verknüpft und bedingen sich gegenseitig. Je mehr Reichtum angesammelt werden kann, umso besser ist man für den nächsten Wahlkampf ausgerüstet und kann sich auch künftig die Vorherrschaft sichern.

Mit Hilfe staatlicher Einflüsse verursachen viele Großgrundbesitzer eine Fehlverwendung staatlicher Ressourcen, die nur traditionellen Wirtschaftsaktivitäten wie der Verarbeitung von Zucker oder Kokosnüssen zu Gute kommen. Dies geschieht nicht nur zu Gunsten der Landbesitzer, sondern auch zu Gunsten der Einfelderwirtschaft und behindert eine Ausweitung des Anbausortiments.

Aber nicht alle Politiker sind sehr wohlhabend. Einige gewinnen die Wahlen auch wegen ihrer Beliebtheit, ihres politischen Netzwerkes oder weil sie sich schon einen Namen gemacht haben.

Die alteingesessenen Großgrundbesitzer verlieren aber zunehmend an politischem Einfluss. Neue Gruppen von Landbesitzern bilden sich heraus: Die ‘Unternehmerlandlords’, die exportorientiert ‘moderne Landwirtschaft’ betreiben. Sie bauen großflächig, mechanisiert und anbauintensiv an. Auch die Immobilienbesitzer, die das Land für industrielle und touristische Zwecke verkaufen und entwickeln und mit dem Land spekulieren, sind ein wachsendes Phänomen. Während in der Stadt Immobilien, Banken und industrieller Besitz als ökonomischer Basis an Bedeutung gewinnen, ist auf dem Land der Großgrundbesitz immer noch die wichtigste politische Ressource.

Verliebt, Verlobt, Verheiratet

Früher wurden Eheschließungen dazu benutzt, Königreiche zu vereinigen und zu erweitern. Auf diese Weise führen politische Vermählungen auch heute noch verschiedene politische Netzwerke zusammen und erweitern die Reichweite der Clans. Daher tendieren Clans, die in der Politik tätig sind, dazu sich mit anderen politischen Familien oder wohlhabenden und wirtschaftsstarken Clans zu verbünden. Allerdings ist der neue Trend, einen prominenten Fernsehstar zu heiraten, denn so kann die ganze Familie von dem Glitzer im Schaugeschäft profitieren.

Neben Eheschließungen bilden wohlhabende Clans auch Bündnisse aus gegenseitigem Interesse, insbesondere mit einflussreichen Politikern oder der amtierenden Regierung. Solch ein Bündnis kann eine ganze Reihe von Vorteilen bieten – von der Abgabe von Geldmitteln der Nationalregierung über reizvolle Regierungsposten bis hin zur vorteilhaften Handhabung von Familiengeschäften.

Ungleichheiten

ManilaDie ungleiche Verteilung von Reichtum in den Philippinen spiegelt gewissermaßen die Ungerechtigkeit der Welt wider. Weltweit haben die reichsten 50 Millionen das gleiche Einkommen wir die ärmsten 2,7 Milliarden Menschen. In den Philippinen besitzen 20 Menschen 15,6 Milliarden US-Dollar. Das entspricht etwa dem gesamten Einkommen der 10,4 Millionen ärmsten Familien.

Laut Gesetz sollten alle Filipinos und Filipinas – ganz gleich welcher Herkunft – den gleichen Zugang für Beschäftigungsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst haben. Aber in der Realität haben nur Mitglieder weniger Familien die Möglichkeit eine öffentliche Position in der Regierung zu besetzen. Während des letzten Jahrhunderts besetzten Angehörige aus etwa 160 wohlhabenden Familien alle Abgeordnetensitze im philippinischen Kongress. In vielen Fällen hatten zwei oder mehr Familienmitglieder eine politische Position inne, so konnten die Clans ihre Macht über Generationen hinweg sicherstellen. Diese Clanvorherrschaft scheint über Jahrhunderte unverändert geblieben zu sein und führte zu ungleichen sozio-ökonomischen Strukturen. Die Sozialstruktur und Klassengesellschaft in den Philippinen wurde nach einem Landbesitz-System geformt, welches wiederum nur Familien mit Landbesitz ermöglichte, wirtschaftliche und politische Macht zu erlangen. Dies verhinderte die Entwicklung eines aufrichtigen Wahl- und Parteiensystems.

Obwohl sich im Zuge der Modernisierung (zunehmende Verstädterung, Dezentralisierung und größerer Einfluss der Massenmedien) die politischen Strukturen verändern, können sich viele politische Clans mit einer Reihe von Strategien anpassen. Zu diesen Strategien zählen: die Gründung und Pflege eines einflussreichen Verwandtschaftsnetzwerkes, die Mobilisierung von Reichtümern, der Zugang zu staatlichen Ressourcen, der Gebrauch von Gewalt und Zwangsmitteln, sowie die eigene Beliebtheit zu fördern. Im Gegensatz dazu ist es für Menschen, die mit weniger als zwei US-Dollar am Tag leben müssen, praktisch unmöglich nur eine dieser Strategien zu verwirklichen. Demnach vergrößert sich die Schere zwischen den Reichen und den Armen von Tag zu Tag.

Autoren: Lilli Breininger und Niklas Reese