Wirtschaft
Der Faire Handel auf den Philippinen Drucken E-Mail

Traumland mit Schattenseiten

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Die tropischen Inseln der Philippinen locken ihre BesucherInnen mit herrlichen Landschaften, Traumstränden und einer vielfältigen Bevölkerung. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das beliebte Reiseziel vieler Touristen als Land der Extreme zwischen Arm und Reich. Ein großer Teil der philippinischen Bevölkerung lebt unterhalb der absoluten Armutsgrenze, das heißt von weniger als zwei US-Dollar pro Tag.
Durch die weltweite Finanz-, Wirtschafts- und Hungerkrise der vergangenen Jahre hat sich die Situation noch weiter verschlechtert. Während immer mehr Menschen auf den Philippinen am Rande des Existenzminimums leben müssen, besitzen und kontrollieren nur etwa 200 wohlhabende Familien 70 Prozent des Volksvermögens. Mit ihrem enormen Einfluss im Kongress und beim Militär sichern sie sich seit Generationen ihre Privilegien. So überrascht es nicht weiter, dass trotz langjähriger Landreformen sieben von zehn BäuerInnen immer noch kein eigenes Land besitzen während 80% der privaten Ackerfläche in den Händen einiger Weniger ist. Riesige Flächen besonders fruchtbaren staatlichen Ackerlandes wurden zudem von der Regierung langfristig an ausländische Großunternehmen verpachtet.

Regierung versagt

Seit dem rasanten weltweiten Anstieg der Preise für Agrargüter und Grundnahrungsmittel vor etwa zwei Jahren, verharren die Kosten für Reis auf den Philippinen auf einem Allzeithoch. KleinbäuerInnen, die selbst Grundnahrungsmittel wie Reis anbauen, profitieren davon leider nicht. Im Gegenteil: Die Kosten für Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel steigen weiter. Die Auswirkungen der Globalisierung machen auch den philippinischen BäuerInnen zu schaffen. KleinbäuerInnen bekommen keine angemessenen Preise für ihre Ernte, weil Billigprodukte, die mit Subventionen der Industrieländer und Dumpingpreisen internationaler Konzerne importiert werden, einheimische Produkte vom Markt verdrängen. Millionen von Pesos, öffentliche Geldern, vorgesehen zur Stützung der heimischen Landwirtschaft, wurden im vergangenen Jahr von der Regierung zweckentfremdet oder veruntreut. Anstelle über höhere Abnahmepreise für BäuerInnen beispielsweise die eigene Reisproduktion anzukurbeln, importierte die philippinische Regierung Millionen von Tonnen Billigreis und ermöglicht GroßhändlerInnen und SpekulantInnen durch ‚Hamsterkäufe‘ bis heute, den Verbraucherpreis künstlich hoch zu halten.

Kinder sind unmittelbar und direkt von diesen Fehlentwicklungen betroffen. Sie treffen die ungerechten Lebensbedingungen besonders hart. Armut und Mangelernährung im frühen Kindheitsalter können bleibende Schäden verursachen. Tausende Familien wandern in die Städte ab, wo sie nicht selten in den Elendsvierteln landen. Perspektivlosigkeit, Krankheiten und Hunger lässt die Menschen verzweifeln und viele Familien brechen auseinander. Kinder gehen betteln oder leben allein auf sich gestellt auf der Straße. Hier werden viele von ihnen zur leichten Beute gut organisierten Geschäftemachern oder „Kinderhändler“ die die Armut der Familien und der Straßenkinder schamlos für ihre Zwecke ausnutzen. Schätzungsweise 100 000 Kinder werden auf den Philippinen jedes Jahr zu Opfern sexueller Gewalt – die Mehrzahl von ihnen stammt aus ärmlichen Verhältnissen.

Hintergrund

Das philippinische System der Landpacht ist für die meisten KleinbäuerInnen gnadenlos. Ein Drittel der Erlöse aus dem Reisanbau erhält der/die GroßgrundbesitzerIn, auch Landlord genannt. Ein weiteres Drittel muss für chemische Spritzmittel abgegeben werden. Die Landlords, die über riesige Agrarflächen verfügen, arbeiten Hand in Hand mit den Saatgutkonzernen und verpflichten ihre PächterInnen vertraglich zum Chemie-Einsatz. Im Laufe der Jahre haben sich immer mehr chemische Insektizide, Fungizide, Pestizide und Herbizide in den Böden abgelagert, die diesen langfristig unfruchtbar und damit für die BäuerInnen wertlos machen.
Der Faire Handel schafft im Gegensatz dazu durch die gezielte Förderung von naturnahen Anbaumethoden und kontrolliert biologischem Anbau nachhaltige Perspektiven für viele tausend Familien.


Wandel durch Fairen Handel

mangoanlieferungTrotz teilweise schwieriger Rahmenbedingungen bietet der Faire Handel bereits seit Ende der 60er Jahre zehntausenden von KleinproduzentInnen auf den Philippinen (und in vielen anderen Regionen der Welt) die Möglichkeit, aus ihrer wirtschaftlich und sozial schwierigen Lage zu entkommen und eine dauerhafte Verbesserung ihrer Lebensumstände zu erreichen. Durch eine langfristige Zusammenarbeit mit persönlichen Kontakten und festen Abnahmeverträgen zu fairen Bedingungen wird Landflucht verhindert. Mit den geleisteten Mehrpreiszahlungen für eine Vielzahl landestypischer Produkte, wie Zuckerrohr, Mangos, Bananenchips und Kunsthandwerk aus Bambus oder Capiz (einem Muschelmaterial), und den dabei enthaltenen Sozialprämien trägt der Faire Handel vielerorts zur deutlichen Verbesserung der Lebensbedingungen – vor allem in ländlichen Regionen – bei. Kinder können zur Schule gehen und erhalten eine Ausbildung. KleinbäuerInnen werden in ihrem Zusammenhalt gestärkt und können selbst für ihre Rechte eintreten. Sie bilden sich weiter und bringen das neu gewonnen Wissen in ihren Arbeitsalltag ein. Zukunftsinvestitionen wie beispielsweise das Anschaffen und Betreiben von gemeinschaftlichen Verarbeitungsanlagen für Zuckerrohr werden so möglich. Die beteiligten Familien wurden damit unabhängig von großen Unternehmen und haben heute entscheidend mehr Anteil an der Wertschöpfung ihres eigenen Ausgangsproduktes, Zuckerrohr.

Viele philippinische ProduzentInnen haben mit finanzieller Unterstützung des Fairen Handels in den vergangenen Jahren ihren Anbau gezielt auf kontrolliert biologischen Methoden umgestellt. Kompostwirtschaft, Mischkulturen und natürliche Schädlingsbekämpfung sparen nicht nur Kosten für künstliche Dünger- und Spritzmittel, sondern verbessern auch die eigene Gesundheit und sichern ein intakte Umwelt. Die notwendige Mehrarbeit im Bio-Anbau wird im Fairen Handel mit eigenen Bio-Prämien berücksichtigt und entlohnt.

Initiativen des Fairen Handels, wie z.B. die enge Zusammenarbeit der Dritte Welt Partner eG (kurz dwp eG) in Ravensburg mit der PREDA-Stiftung und dem sozial engagierten Verarbeitungsbetrieb Profood setzenZwischenhändlerInnen und Konzerne  unter Druck. So brachte die stetig steigende Abnahme von fair gehandelten Mangoprodukten ein bestehendes Mangokartell zum Erliegen, das lange Jahre durch unfaire Absprachen die Erzeugerpreise für Mangos künstlich niedrig hielt. Durch das Engagement des Fairen Handels erhalten heute alle Mangobauern - unabhängig an wen sie liefern – deutlich höhere Preise.

Die Aetas

Ein Beispiel, wie ein Fairer Handel funktionieren kann, zeigt die Zusammenarbeit zwischen PREDA und der philippinischen Bevölkerungsgruppe der Aeta.
Dort ist es so, wie es eigentlich überall sein sollte. Die etwa 125 Familien umfassende indigene Gemeinschaft zählt zu den Ureinwohnern der nordphilippinischen Insel Luzon. Sie haben in der waldreichen Region von Botolan eine Mangobauern-Kooperative gegründet, die ihnen ein einträgliches Einkommen verschafft. Möglich geworden ist dies, seit die Aeta-Gemeinschaft einen Großteil ihrer Bio-Mango-Ernte an die Fair-Trade-Abteilung von PREDA liefert. Zu den wichtigsten deutschen Großkunden von PREDA wiederum zählt die Genossenschaft „dwp mensch und zukunft“ in Ravensburg. Sie vertreibt die unterschiedlichsten Mango-Produkte (Säfte, getrocknete Früchte und Fruchtgummis zum Beispiel) über das Netzwerk der hiesigen „Weltläden“, aber auch über ausgesuchte Supermärkte, oder sie verkauft die Mango-Produkte als so genannte “Give aways” an Hotels und deutsche Unternehmen.
Der Effekt: Da das Geschäft mit den Mangos zu Bedingungen des internationalen Fairen Handels abgewickelt wird, hat sich das Einkommen der indigenen Mango-Kooperative in den vergangenen Jahren nahezu verdreifacht. Und die Dorfgemeinschaft der Aetas kann seitdem auch für ihre Zukunft sicherer planen.

Eine wirtschaftlich gesunde Basis, wie sie der Faire Handel über Jahre hinweg ermöglich, verschafft den Beteiligten auch Luft, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. Die 19 im landesweiten Fairhandelnetzwerk Philippine Fair Trade Forum (PFTF) zusammengeschlossenen ProduzentInnenorganisationen machen sich bei Entscheidungsträgern für die Belange von Kindern, Familien, Frauen, Kleinproduzenten oder Randgruppen stark und setzen sich in vielfältigen Aktionen und gemeinsamen Kampagnen für grundlegende Reformen in Ihrem Land ein.

Auch wenn der Faire Handel nicht die Lösung für alle bestehenden Probleme der Philippinen sein kann, ermöglicht er bereits heute zehntausenden Familien ein selbstbestimmtes Leben in Würde und großer finanzieller Sicherheit. Fairer Handel ist eines der effektivsten Mittel, den verarmten Familien auf den Philippinen Gerechtigkeit und Zukunftsperspektiven zu geben. Er kann damit als Beitrag zur Völkerverständigung und zu weltweitem Frieden gar nicht hoch genug gewürdigt werden.

Wichtige Grundsätze des Fairen Handels

  • Der Mensch steht im Mittelpunkt (Ausschluss von ausbeuterischer Kinderarbeit, Arbeitsschutz, Natur schonende Produktionsweisen, …)
  • Langfristige, partnerschaftliche Handelsbeziehungen
  • Zahlung verlässlicher höherer Produzentenpreise
  • Zuschläge für Soziale Gemeinschaftsprojekte und Bio-Anbau
  • Vorfinanzierung bis 60 % der Produktionsmengen
  • Kostendeckendes Wirtschaften aber keine Profitmaximierung
  • Beratung (z.B. zur Umstellung auf Bio-Anbau)
  • Hohe Transparenz, z.B. bei Offenlegung von Kalkulationen und Warenströme
  •  Förderung von Kleinbauerngenossenschaften und sozial engagierten Unternehmen
  • Weitergabe von Informationen und Bildungsarbeit
  • internationale Vernetzung und weltweite Lobbyarbeit
  • Unabhängige Kontrollen
  • hohe Produktqualität

Autor: Martin Lang