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Warten bis der Arzt kommt: Gesundheit in den Philippinen Drucken E-Mail
Straßenverkäufer in Manila„Gesundheit ist der Zustand umfassenden physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein die Abwesenheit von Krankheit", so lautet die Standarddefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dieses Recht auf Gesundheit lässt sich für die Mehrheit der philippinischen Bevölkerung nicht verwirklichen, wenn nicht damit in Verbindung stehende Menschenrechte wie die Selbstbestimmung der Ernährung, sauberes Wasser oder menschenwürdiges Wohnen verwirklicht werden. Ansteckende, aber heilbare Krankheiten wie Lungenentzündung oder Tuberkulose gehören in den Philippinen weiterhin zu den häufigsten Todesursachen. Jährlich sterben 110.841 Filipin@s an Tuberkulose.

Zwar sind zur Jahrtausendwende anteilig weniger Säuglinge gestorben als 20 Jahre zuvor, aber die Verringerung der Säuglingssterblichkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten die langsamste unter allen Staaten in Südostasien gewesen. Noch immer sterben jährlich fast 59.000 Säuglinge vor ihrem ersten und fast 80.000 Kinder vor ihrem fünften Geburtstag.

Während sich 1991 ‚nur' 3.6 Millionen philippinische Kinder nicht ausreichend ernähren konnten, sind es 1998 bereits 4,2 Millionen gewesen. 37 Prozent aller Kinder im Vorschul- und 31 Prozent aller Kinder im Schulalter gelten als untergewichtig (während zwischen fünf und sieben Prozent als übergewichtig gelten). Mehr als 15 Millionen Menschen, also 18 Prozent der Bevölkerung, müssen auf eine Mahlzeit am Tag verzichten. In der Regel sind es die Mütter, die eine Mahlzeit auslassen, damit ihre Kinder und Männer genug zu essen bekommen oder das Geld für Brennstoff, Licht und Wasser reicht.

Mangelernährung

Straßenkind in ManilaVielen philippinischen Familien fehlt es an Geld, um sich zusätzlich zu Reis auch Gemüse, Fisch oder Fleisch (tagalog: ulam) kaufen zu können. Stattdessen investieren sie ihr weniges Geld in Salz, Sojasoße, braunen Zucker, Pepsi oder Kaffee als Beilage zum Reis. Die Folge eines solchen Speiseplans, der fast nur aus Kohlenhydraten und Salz besteht, ist eine dauerhafte Fehlernährung. Das Food and Nutrition Research Institute (FNRI) hat einen Essensplan zusammengestellt, der die „nationale Nahrungsmittelschwelle" präsentieren soll. Diese tägliche Verpflegung kostet 22 Pesos am Tag und umfasst eine Schale Reis, eine Fruchtscheibe, eine halbe Tasse grünes Blattgemüse und ein Glas Vollmilch. Ungefähr 40 Prozent aller Filipin@s leben allerdings von 32 Pesos oder weniger am Tag und müssen davon auch viele andere Kosten bestreiten. Für viele arme Familien ist also selbst das Ernährungsminimum schon unerschwinglich.

Jede Minute sterben neun Menschen an Herzkrankheiten. Das ist auch auf ungesunde Ernährung zurückzuführen. Der traditionelle Speiseplan aus Gemüse, Fisch und nur wenig Fleisch ist gerade in den Städten durch vorverarbeitete Lebensmittel, ungesunde Fertigkost und fettere Speisen ‚ergänzt' beziehungsweise verdrängt worden. Außerdem nimmt der Stress durch den wachsenden Leistungsdruck und das ‚moderne Leben' zu.

Die Lebensbedingungen: Umwelt und Wasser

Zur schlechten Ernährungslage kommen oft unzureichende hygienische Verhältnisse hinzu, was Krankheiten Vorschub leistet: Einer Erhebung des Nationalen Statistikamtes (NSO) der Philippinen aus dem Jahr 2000 zufolge haben 24 Millionen Filipinos und Filipinas keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser und ebenso viele keine hygienische Toiletten. Das ist einer der Hauptgründe für die Verbreitung von Infektionskrankheiten im Land. Jährlich treten Fälle von Wasserverschmutzung auf, in denen Hunderte von Anwohnern ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen und zahlreiche Menschen sterben.

Luftverschmutzung führt in den philippinischen Städten zu Atemwegserkrankungen, Kopfschmerzen und Allergien. Jeden Tag sterben durchschnittlich 16 Städter an den Folgen von Luftverschmutzung.

Unterschiede zwischen reich und arm

Der Zugang zu Gesundheit ist auf den Philippinen in starkem Maße von den finanziellen Möglichkeiten eines Menschen abhängig. Die Kindersterblichkeit unter Armen ist dreimal so hoch wie unter Reichen. In teuren Wohnvierteln ist der Zugang zu sauberem Wasser so selbstverständlich, dass die Bewohner dieses Wasser auch dafür nutzen, ihre Golfplätze immer grün zu halten und ihre Swimmingpools stets mit Trinkwasser zu füllen. Das staatliche Krankenversicherungssystem Philhealth spricht von „kleinen Inseln ausgezeichneter Gesundheit". Auf der anderen Seite der Mauern liegen die Dörfer und Elendsviertel, deren Bewohner nur schmutziges Wasser zur Verfügung steht. Arme sterben daher viel häufiger an bedingten Krankheiten, die durch mangelnde Hygiene verursacht werden.

Das Gesundheitssystem

Die meisten Krankenhäuser befinden sich in den großräumigen Stadtgebieten von Metro Manila, den benachbarten Regionen Südtagalog und Zentralluzon sowie in den Großstädten Davao und Cebu. Darüber hinaus gibt es landesweit 2.385 Gesundheitsstationen, die allerdings sehr viel schlechter ausgerüstet und oft bloß von Hebammen besetzt sind. Sie müssen jeweils etwa 30.000 Menschen versorgen. Für schwerere Fälle müssen diese Menschen ein größeres Krankenhaus aufsuchen. Diese liegen allerdings oft Hunderte von Kilometern entfernt. So ist das Davao Medical Hospital das einzige öffentliche Krankenhaus in der Millionenstadt Davao – und das einzige für schwere Fälle auf der Insel Mindanao.

1.061 (62%) der Krankenhäuser und Kliniken sind im Privatbesitz. Häufig bleibt Patient/innen nichts anderes übrig, als in private Krankenhäuser zu gehen, da es Regierungskrankenhäuser oft an grundlegender Ausstattung, ausreichend qualifiziertem Personal und den nötigen Medikamenten fehlt. Gerade für arme Menschen ist der Zugang zu einer solchen Gesundheitsversorgung beschränkt oder unmöglich.

Das medizinische Personal

Seit mehreren Jahren nimmt die Zahl der Ärzte und Krankenschwestern und -pfleger in den Philippinen kontinuierlich ab. Zwei Drittel des medizinischen Fachpersonals praktizieren in den reichen und städtischen Teilen des Landes, weil sie dort ein höheres Einkommen erzielen können. Der Weltbank zufolge arbeiten nur 10 Prozent aller Ärzte und Apotheker, 20 Prozent aller medizinisch-technischen Fachkräfte und 30 Prozent aller Krankenschwestern auf dem Land. Immer mehr Ärzte und Krankenpfleger verlassen zudem die Philippinen, um im Westen und den reicheren Regionen Asiens zu arbeiten.

Viele Arme nehmen auch die Dienste von traditionellen Heiler und Heilerinnen (tagalog: hilots) in Anspruch. Deren Jahrhunderte altes Wissen, das durchaus zu helfen vermag, vernachlässigt aber oft die moderne Hygiene, etwa die Bedeutung von Krankheitsvorbeugung, die Verminderung der Ansteckungsgefahren oder Impfungen. Die höheren Sterberaten auf dem Land, etwa in Folge ansteckender Krankheiten, dürften auch darauf zurückzuführen sein. Hilots überweisen zuweilen Patienten zu spät ins Krankenhaus.

Staat und Sozialversicherung

Die staatliche Krankenversicherung Philhealth erstattet bloß einige medizinische Grundleistungen, und auch die nicht in voller Höhe. So übernimmt sie beispielsweise bis zu einem Drittel der Kosten für bis zu 45 Tage Krankenhausaufenthalt im Jahr. Eine durchschnittliche Krankenhausrechnung beträgt das Dreifache eines durchschnittlichen Monatseinkommens, wobei Arbeitskosten, Privathonorare und Arzneimittel noch nicht inbegriffen sind. Eine normale Behandlung kostet in öffentlichen Krankenhäusern mindestens 10.000 Peso, während in Privatkliniken bereits zwischen 20.000 und 25.000 Peso fällig werden.

Einen Großteil der Gesundheitsausgaben müssen die Patientinnen und Patienten selbst bezahlen. Wer nicht viel Geld hat, muss Verwandte oder Freunde um Unterstützung bitten, Arbeitgeber oder den Großgrundbesitzer fragen, eine Nicht-Regierungsorganisation (NGO) auftreiben und ähnliches – oder aber die Behandlung beziehungsweise Operation verschieben und versuchen, sich selbst zu helfen. Acht von zehn Filipinos und Filipinas können sich die Gesundheitsdienste, die sie bräuchten, nicht leisten. Deshalb greifen viele von ihnen zu Eigendiagnose und -behandlung, zum Beispiel mit Hilfe von Probepackungen aus der Nachbarschaftsapotheke.

Für diejenigen, die sich selbst versorgen, können die zahlreichen Gesundheitsseiten im Internet hilfreich sein, mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Diese Möglichkeit haben aber nur diejenigen, die über ausreichend Bildung und Internetzugang verfügen, auch wenn professionelle Hilfe dadurch nicht überflüssig wird. Dagegen fehlt es den Armen nicht nur am Internetzugang, sondern zum Beispiel auch an ausreichenden Sprachkenntnissen, um die Informationen dieser Websites anwenden zu können.

Warten bis zur letzten Sekunde

ManilaEine Studie über die Behandlungsgewohnheiten von tuberkulosegefährdeten Bewohner der Armenviertel in Metro Manila aus dem Jahre 2001 fand heraus, dass routinemäßige Besuche bei Gesundheitsarbeitern verschoben wurden. Obwohl sie bereits verschiedene Tuberkulose-Symptome zeigten wie anhaltenden Husten, Rücken- und Brustschmerzen, griff die Mehrzahl zunächst auf Selbstbehandlungspraktiken zurück. Das reichte von selbst verordneter Bettruhe, zwischenzeitlicher Nikotin- oder Alkohol-Abstinenz über die Einnahme von Kräutermedizin oder Mittel wie Paracetamol, Hustensäften, Schmerzmitteln und ätherischen Massagecremes, die rezeptfrei erhältlich sind – bis hin zur Selbstmedikation mit Eis, verdünnten Gasen oder der Inhalation von salzhaltigem Wasserdampf. Professionelle Hilfe aufzusuchen, blieb gewöhnlich wegen der damit verbundenen Kosten das letzte Mittel. Die Anwendung von Kräutern und traditionellen Methoden ist nicht an sich schlecht.

Dies führt dann dazu, zu Paste zerkaute Blätter auf den Bauch zu legen und dann zu hoffen, dass der Schmerz dann schon weggehen wird. Frau Erlinda aus San Juan (Batangas), ertrug ihre Bauchschmerzen eine ganze Woche, bevor sie einen Doktor zu Rate zog. Eine Woche später starb sie, weil die Ärzte ihren gebrochenen Blinddarm zu spät entdeckten.

Offiziellen Gesundheitsindikatoren zufolge hat sich die Gesundheitssituation in den Philippinen in den letzten Jahren verbessert. Die Lebenserwartung ist von 1970 bis 2009 um zehn Jahre gestiegen, von 58 auf 71 Jahre. Nur: In vielen vergleichbaren Ländern hat sich die Situation im gleichen Zeitraum um einiges mehr gebessert. Und: Selbst wenn sie sich leicht gebessert hat, ist sie generell weiterhin als katastrophal zu bezeichnen. Denn einer prozentualen Abnahme steht eine Zunahme in absoluten Zahlen entgegen – des Bevölkerungswachstums wegen.

Privatisierung der Wasserversorgung, Deregulierung der Umweltpolitik, die Orientierung der medizinischen Ausbildung auf die Bedürfnisse der Bessergestellten und Kaufkräftigeren und die daraus folgende Migration des medizinischen Fachpersonals – all das führt nicht zu einer Verbesserung, sondern vielmehr zu einer Verschlechterung der Gesundheitssituation der meisten Filipinos.

Literatur

  • Albert Busse: Das Famus-Projekt - Ein Projekt von Basisgesundheitsversorgung, in: südostasien 4/2000, S.65
  • Jonathan A. Flavier: Do-It-Yourself-Care, PCIJ.org, Oktober 2004
  • Johanna Villaviray-Giolagon im Philippine Daily Inquirer, 26.11.2004.
  • Benito Molino: Right to Health (2004) in: PAHRA 2003 Human Rights Report, Quezon City.
  • Philhealth/GTZ: Resource Book of Community Based Health Care Organization. Social Health Insurance Schemes in the Philippines, Makati City, 2003
  • südostasien 3/2003: Gesundheit! Schönheit! Langes Leben! Gesundheit und Bevölkerung, in südostasien, September 2003 – darin:
  • Citizens Assessment of Structural Adjustment (2002): Strukturanpassung schadet Ihrer Gesundheit - Die Auswirkung von Strukturanpassungsprogrammen auf die Erbringung von Grundleistungen im Gesundheitssektor, S. 67-72 – Langfassung (auf Englisch): Abschlussberichte des Citizens Assessment of Structural Adjustment (CASA) Philippines, 2002
  • Council for Health and Development: Behandlung hat ihren Preis - Warum Medikamente in den Philippinen so teuer sind, S. 73
  • Niklas Reese: Walang Problema? - AIDS in den Philippinen, S. 74-76
  • Likhaan: Die Freiheit nehm' ich mir - Fortpflanzung und sexuelle Selbstbestimmung - ein Lagebericht zu „Reproductive Health", S. 77-80
  • Heike Aurin: Bald untragbar? - Bevölkerungsprobleme in den Philippinen, S. 81-82

Autoren: Niklas Reese und Lilli Breininger