Entwicklung
Indigene: Benachteiligt und ins Hochland verdrängt Drucken E-Mail

Ethnische Minderheiten in den Philippinen

The-Elders-of-Didipio„Wir werden immer ärmer und hungriger", so beschreiben Indigene in den Philippinen ihre Situation.

Als „Indigene" wird die angestammte Bevölkerung eines Landes bezeichnet, also diejenigen Menschen, die als erstes ein bestimmtes Gebiet bevölkert haben, mittlerweile aber eine Minderheit bilden, die von der nationalen Mehrheitsbevölkerung oft diskriminierte wird. „Ureinwohner" ist auch ein Begriff, der häufig gebraucht wird.
Dieser Begriff wird jedoch von indigenen Gruppen selbst oft abgelehnt, da sie der Meinung sind, dass dieser Begriff negativ sei und abwertend gemeint ist.

 

Mit dem Begriff „ethnische Minderheit" wird eine Bevölkerungsgruppe bezeichnet, die als Minderheit in einem Staat lebt, der mehrheitlich von einer anderen Bevölkerungsgruppe bevölkert ist. Als Teile des Staatsvolkes unterscheiden sich die Minderheiten von der Bevölkerungsmehrheit in den meisten Fällen in ihren Sprachen oder Rassen, oft auch in ihren sozialen und kulturell-politischen Gebräuchen oder in ihrer Religion. Im Regelfall verbindet eine ethnische Minderheit ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, oft auch aufgrund von Diskriminierung durch die Mehrheitsbevölkerung

Indigene in den Philippinen

Die indigene Bevölkerung in den Philippinen besteht aus 60 ethnischen Minderheiten (Begriffsklärung siehe Kasten), die in verschiedenen Regionen des Landes ansässig sind. Damit sind die Philippinen nach Burma das asiatische Land mit dem prozentual höchsten Anteil an indigener Bevölkerung. Die verschiedenen indigenen ethnischen Minderheiten (ausgenommen der muslimischen ethnischen Minderheiten) in den Philippinen machen zusammen circa zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Die 18 nicht-muslimischen ethnischen Gruppen auf Mindanao, im Süden der Philippinen, werden unter dem Sammelbegriff Lumad zusammengefasst und umfassen circa 1,8 Millionen Menschen. Sieben indigene Sprachgruppen leben im Norden in der Region der Cordilleras und umfassen rund eine Million Menschen (die ethnische Gruppen heißen Bontoc, Ibaloi, Ifugao, Ilocano, Kalinga, Isneg, Tinguian).

Circa 110.000 indigene Menschen gehören zu den Bevölkerungsstämmen der Mangyan auf Mindoro, die indigene Bevölkerung auf der Insel Palawan umfasst hingegen circa 120.000 Personen. Den ursprünglichen Bewohnern der philippinischen Inselwelt, den Negritos bzw. Aetas, werden circa 150.000 Menschen zugerechnet.

Gebräuche, Kultur und Religion

Die Gebräuche, Sprachen, Lebensstile, religiösen und sozialen Praktiken, Organisationsformen und die Wirtschaftsweisen der verschiedenen ethnischen Gruppen, die über die ganzen Philippinen verstreut leben, unterscheiden sich teilweise sehr stark voneinander.

So gibt es eher traditionell lebende Wildbeuterstämme, die ihren Lebensunterhalt durch Jagen und Sammeln sicherstellen, bis hin zu Reisterrassen- und Gemüsebauern eine große Vielzahl an unterschiedlichen Lebens- und Wirtschaftsformen.

Neben all diesen Unterschieden ist den indigenen Gemeinschaften jedoch gemeinsam, dass sie vorkoloniale, nichtwestliche kulturelle Regeln, Gebräuche und Institutionen haben, die teilweise bis heute fortbestehen. So gibt es, obwohl viele der indigenen Gruppen die christliche Religion übernommen haben, noch viele traditionelle religiöse und kulturelle Praktiken (etwa alte Grenzen, religiöse Rituale und eigene Feiertage), die sich erheblich von denen der mehrheitlich christlichen philippinischen Lebensweise unterscheiden.

Spiritueller Glaube

Der Glaube der meisten indigenen Gemeinschaften in den Philippinen kann als „Naturreligion" bezeichnet werden: Sie gehen von der Vorstellung aus, dass die gesamte Natur beseelt ist. Es gibt sowohl gute als auch schlechte Geister, um deren Gunst man in Ritualen bitten kann oder die beschwichtigt werden müssen. Bestimmte Rituale werden zu Anlässen wie Geburt, Hochzeit, Tod, Saat und Ernte ausgeführt, um die Unterstützung der Geister und Götter zu bekommen.

Landvorstellungen

Ein zentrales Element der indigenen Lebensvorstellungen und -praxis in den Philippinen ist die Vorstellung von Land als Ahnenland (engl. ancestral domain). Das indigene Landrecht in den Philippinen geht daher davon aus, dass Land nicht gekauft oder besessen werden kann.

Indigene Gemeinschaften haben eine spirituelle Beziehung zu dem Land, das sie meist seit Urzeiten (engl. since time immemorial) bewohnen. Nach indigenem Landrecht ist das Land somit zu Ahnenland geworden.

Das Land wird als unverkäufliches Geschenk der Götter betrachtet, das ihnen gegeben wurde, um es zu bewirtschaften und zu pflegen. Ihre seit vielen Generationen vererbten Felder, die Beerdigungsstätten, ihre heiligen Orte und somit ihre gesamte soziale, kulturelle und religiöse Identität ist unmittelbar mit dem Land verbunden.

Land ist für die indigenen Gemeinschaften die Quelle ihres Lebens, und so ist es vor allem die Vertreibung von ihrem Land, die zu den größten Problemen und Konflikten innerhalb indigener Gemeinschaften führt.

Diskriminierung und Entmachtung

Die indigene Bevölkerung der Philippinen ist von vielen für die Philippinen typischen Problemen (Armut, Umweltverschmutzung, Landkonflikte, Bergbau) besonders betroffen.

Eines der gravierendsten Probleme der indigenen Bevölkerung ist die exzessive Plünderung der natürlichen Ressourcen (Wälder, mineralische Rohstoffe) ihrer Siedlungsgebiete. Denn die nationalen Gesetze erkennen die Landvorstellungen der indigenen Bevölkerung nicht an. Die philippinische Regierung verkauft oder verpachtet - mit dem Argument, die nationale Entwicklung voranbringen zu wollen - immer wieder Land, das von indigenen Gemeinschaften bewohnt wird, an christliche Siedler, an Bergbaufirmen, an Holzfällerunternehmen oder große Plantagen. So werden indigene Gemeinschaften zu illegalen Siedlern auf ihrem eigenen angestammten Land gemacht, sie leiden unter umweltverschmutzenden Industrieprojekten oder sie werden gar von ihrem Land und immer weiter in die unwirtlichen Bergregionen vertrieben.

Neben diesem Angriff auf das Lebensgebiet der indigenen Gemeinschaften werden die ethnischen Minderheiten in den Philippinen auch kulturell diskriminiert.

Indigene Gemeinschaften werden bis heute innerhalb der philippinischen Gesellschaft als Bürger zweiter Klasse behandelt. Zwar werden in der philippinischen Verfassung von 1987 die Rechte der indigenen Gemeinschaften anerkannt, sie sollen ihre Religion frei ausüben und die gleichen Rechte wie alle anderen philippinischen Bürger zugestanden bekommen. In den Augen der philippinischen Mehrheitsbevölkerung gelten indigene Menschen mehrheitlich als „primitiv", „ungebildet" und „zurückgeblieben".

Mitglieder indigener Gemeinschaften werden daher bei der Jobsuche, bei der Bewerbung um einen Studienplatz oder im alltäglichen Umgang miteinander diskriminiert.

Da die indigenen Gemeinschaften meist im unwirtlichen Hinterland leben, haben sie auch den schlechtesten Zugang zu Bildungsmöglichkeiten. Indigene Gemeinschaften sind daher von Armut und sozialer Ungleichheit am meisten betroffen.

Gibt es staatliche Hilfe?

1997 wurde in den Philippinen mit dem Indigenous Peoples Rights Act (IPRA) ein Gesetz verabschiedet, das zuerst als Meilenstein für die Rechte der indigenen Gemeinschaften gefeiert wurde: Der IPRA sieht das Recht auf kulturelle und religiöse Selbstbestimmung, auf politische Unabhängigkeit, das Recht auf kulturell angemessene Erziehung, das Recht auf selbstbestimmte Entwicklung, das Recht auf Eigentum und Kontrolle der biologischen und natürlichen Ressourcen innerhalb der angestammten Gebiete sowie das Verbot der rechtlicher Diskriminierung indigener Menschen vor.

Allerdings gibt es gleichzeitig andere Gesetze, die diesem Eigentum der natürlichen Ressourcen zuwiderlaufen: So gehören die gesamten Bodenschätze dem philippinischen Staat.

Zudem soll es der IPRA den indigenen Gemeinschaften ermöglichen, offizielle Eigentumszertifikate (engl. Certificate of Ancestral Domain Title – kurz CADT) über ihr angestammtes Land ausgestellt zu bekommen. Nach Ausstellung dieses Titels hat die indigene Gemeinschaft dann theoretisch die völlige Verfügungsgewalt über ihr Land. Nichts soll dort ohne ihre Einwilligung geschehen, also auch keine Bergbauoperationen oder Bauvorhaben oder andere Firmenaktionen.

Daher bedarf jegliches Projekt auf angestammtem Land über das es ein CADT gibt, einer „freien, vorausgehenden informierten Zustimmung" (engl. free, prior, informed consent - FPIC).

Die internationalen und nationalen Unternehmen, die ihre Gewinne in den ressourcenreichen indigenen Gebieten machen wollen, ärgert diese Bestimmung. Also versuchen sie die Zustimmung der betroffenen Bevölkerung zu erschleichen bzw. zu erkaufen. Sie versprechen Straßen, bauen Kliniken, bieten Stipendien für die Schule an, zahlen überhöhte Preise für das Land und vieles mehr - falls die Bevölkerung dem Projekt zustimmt. Funktioniert diese Taktik nicht, wird auch gerne zur Gewalt gegriffen: Es werden Straßenblockaden errichtet, die die Gemeinschaften von ihrer Lebensmittelzufuhr abschneiden, oder die Gemeinden werden bedroht und eingeschüchtert, so lange, bis sie ihre Zustimmung beispielsweise zu einem Bergbauprojekt geben.

Die zentrale Regierungsstelle, die sich der Belange der indigenen Bevölkerung annehmen soll und auch über die Ausstellung der Eigentumszertifikate entscheidet, ist die Nationale Kommission für die indigene Bevölkerung (engl. National Commission on Indigenous Peoples – kurz NCIP). Diese Kommission wurde mit der Verabschiedung des IPRA ins Leben gerufen.

Indigene Selbsthilfegruppen üben jedoch massive Kritik an der Kommission.

Weder gäbe es das vorgesehene indigene Beratungsgremium noch helfe die NCIP den indigenen Gemeinden bei der sehr komplizierten Antragsstellung für die Eigentumstitel. So sind seit 1997 nur 25 Prozent der Anträge auf Eigentumszertifikate erfolgreich gewesen.

Wir müssen uns selbst organisieren

Da die indigenen Gemeinschaften nicht das Gefühl haben, dass sie von staatlicher Seite Unterstützung bei der Vertretung ihrer Interessen bekommen, haben sie sich landesübergreifend und regional organisiert. Es gibt mehrere indigene Interessensverbände, die ihre Forderungen nach Selbstbestimmung formulieren und sie Regierungsstellen vortragen. Ebenso versuchen sie durch Entwicklungsprojekte die zahlreichen Missstände in ihren Regionen zu verbessern, organisieren den Widerstand gegen transnationale Firmen und setzen sich für sogenannte „Schulen der lebenden Tradition" (engl. schools of living tradition) ein, um zu verhindern, dass ihr traditionelles Wissen und ihre Gebräuche aussterben.

Während sich die indigenen Organisationen hinsichtlich ihrer Größe, organisatorischen Stärke und Erfahrung mitunter stark voneinander unterscheiden, werden sie jedoch durch ihre gemeinsamen Grundforderungen zusammen gehalten:

Sie fordern die Anerkennung ihres Rechts auf Selbstbestimmung, gesetzlich gesicherte Landrechte und die Wahrung und den Schutz ihrer traditionellen Kultur.

Autorin: Maike Grabowski