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Kolonialgeschichte der Philippinen

 

shutterstock_51752893Puti (weiße Ausländer) sind etwas Besonderes in den Philippinen! Gerade in der Provinz stoßen sie auf viel Aufmerksamkeit. Männer und Kinder sind oft sehr „aufmerksam" (man könnte auch sagen aufdringlich): „Hey Joe", schallt es dann häufig von irgendwo. Hey Joe? Ja, denn erst einmal gelten alle Weiße als Amerikaner. Frauen sind etwas schüchterner. Schnell aber fragen sie die Weißen: „Kann ich Deine Nase haben?" (weil die spitz ist und nicht so flach wie asiatische Nasen). Oder sie bringen zum Ausdruck, dass sie so gerne die helle Haut der Touristin hätten. Und wollen diese „einfach nur mal anfassen". Weißmachende Hautpflegemittel (Whitening soap) sind sehr beliebt. Einfach verrückt finden es die Filipinos und Filipinas, wenn sich Menschen mit weißer Hautfarbe sich in die Sonne legen, um brauner zu werden.

Die Vorliebe für helle und blasse Haut war auch früher in Europa typisch. Frauen aus besserem Hause hielten ihren Teint so blass wie möglich – denn dunkle und gegerbte Haut, das war ein Merkmal von Bauern, die den ganzen Tag auf dem Feld stehen.

Aber beides hat auch mit einem in den Philippinen weit verbreiteten Minderwertigkeitskomplex zu tun, dem so genannten „colonial mindest". Jahrhunderte lang haben erst die spanischen und dann die amerikanischen Kolonialherren den Filipin@s eingetrichtert, sie seien etwas Schlechteres und müssten erst zivilisiert werden. Wer etwas werden wollte in der Kolonialgesellschaft, der musste möglichst so werden wie die Kolonialherren. Bis heute wirkt dieser Minderwertigkeitskomplex nach. Etwa indem nahezu alle Waren und Ideen, die aus dem Westen importiert werden, erst einmal als besser gelten. Man denkt, Weiße seien schlauer und sowieso immer reich. Fließend und ein möglichst gewähltes Englisch sprechen zu können, ist ein Statussymbol. Viele Filipin@s träumen davon, in die USA auswandern zu können, sie gelten als das Gelobte Land schlechthin.

Vorkoloniale Zeit

Oft beginnt man die Geschichte der Philippinen erst mit der „Entdeckung" der Inselgruppe durch den Portugiesen in spanischen Diensten Ferdinand Magellan zu erzählen. Und tat damit so, als hätten hier vorher höchstens „Wilde" gelebt, die von den kulturell höherstehenden Europäern zivilisiert wurden.

Dabei sind die ersten Einwohner der Philippinen bereits zirka 25.000 Jahre vor Christus auf der Insel eingetroffen. Ihnen folgten 5.000 vor Christus Einwanderer aus Indonesien, Malaysia und schließlich im zweiten Jahrtausend auch chinesische Händler, die sich hier niederließen. Es war eine rege Handelstätigkeit zwischen China und den heutigen philippinischen Inseln zu verzeichnen.

Mitte des 14. Jahrhunderts erreichte auch eine islamische Missionierungs- und Handelswelle, die im Nahen Osten ihren Anfang genommen hatte, via Indien, Malaysia und Indonesien vor allem den Süden der Philippinen. Bald wurden einige Sultanate - sprich Kleinstaaten - gegründet, von denen die wichtigsten die Sultanate von Maguindanao und von Sulu waren. Der Islam breitete sich stückchenweise bis nach Zentralluzon aus und es gab auch ein islamisches Königreich in Manila.

Die Erfindung der Philippinen - Die spanische Kolonialherrschaft

1521 erreichte Ferdinand Magellan dann von Osten aus in den Philippinen. Er kam vom „spanischen" Lateinamerika aus, denn dem Vertrag von Tordesillas zufolge durften die Spanier nur das Land kolonialisieren, das im Westen Europas lag - etwa Lateinamerika. Da die Erde eine Kugel ist, konnten sie somit auch die Teile Asiens unterwerfen, die sie via Amerika erreichten. Die Philippinen sind also quasi das westlichste Ende des spanischen Kolonialreichs; noch heute sind sie kulturell eine Mischung aus Asien, Lateinamerika und den USA. Man könnte sie daher als „Lateinasien" bezeichnen. Magellan wurde bald nach seiner Ankunft von einem lokalen Fürsten namens Lapu-Lapu erschlagen. So war es erst der 1565 von Mexiko aus kommende Miguel de Legaspi, der die Inselgruppe nach und nach unter spanische Kontrolle brachte. Zu der Zeit herrschte in Spanien König Philipp II. und ihm zu Ehren wurde die neue Kolonie „Las Filipinas", die Philippinen, genannt. Die Autoren Rainer Werning und Mary Lou U. Hardillo sprechen daher auch von „der Erfindung der Philippinen", denn „als die Inseln, die man nach einem im fernen Europa residierenden Herrscher auf den Namen ‚Philippinen' taufte, ins Blickfeld westlicher Seefahrer rückten, waren sie östlichen Handelsreisenden längst unter weit mehr als 100 Bezeichnungen bekannt und vertraut." So nannten einige Chinesen das Archipel Mait beziehungsweise Ma-yi, andere kannten sie als Lin-hsin und die in der Mitte gelegene Inselgruppe der Visayas nannten sie „San-hsü" – drei Inseln.

1571 eroberten Miguel de Legaspi das Königreich von Manila und richteten dort die neue Hauptstadt ein. Die Spanier kontrollierten die Inselgruppe dann bis 1898, mit Ausnahme des Berglandes auf der Hauptinsel Luzon (die Cordilleras). Und auch die von muslimischen Königen und Fürsten beherrschte Insel Mindanao im Süden konnten sie nie erobern.

Für die Spanier war die neue Kolonie vor allem interessant, weil sie strategisch zwischen dem damals reichsten Land der Welt, China, und dem spanischen Kolonialreich in Lateinamerika lag. Die Chinesen waren an westlichen Waren kaum interessiert, allein das Silber hatte es ihnen angetan. Und dieses hatten die Spanier im Überfluss, da sie es in Amerika unter Ausbeutung der dort ansässigen Indigenen abbauen konnten. So konzentrierten sie ihre wirtschaftlichen Aktivitäten auf den Austausch des Silbers gegen chinesische Seide und Tee. Einmal im Jahr brachte ein Schiff, das im mexikanischen Acapulco losfuhr, das Silber nach Manila, wo es mit chinesischen Händlern gegen die begehrten chinesischen Waren getauscht wurde.

Die Kolonialisierung der außer Manila gelegenen „Provinz" überließ der Generalgouverneur den religiösen Orden und katholischen Priestern. Die machten aus den „Heiden" Katholiken und legten sich riesige Haciendas an, auf denen die lokale Bevölkerung landwirtschaftliche Zwangsarbeit verrichten musste. Immer noch sind die Philippinen das einzige christlich geprägte Land Asiens. Neben der römisch-katholischen Kirche, zu der sich über 80 Prozent der Menschen bekennen, wachsen auch protestantische Glaubensgemeinschaften. Rund fünf Prozent der Bevölkerung sind muslimisch, vor allem im Süden, der Rest gehört Naturreligionen an. Der Einfluss der katholischen Kirche ist überall zu spüren: In der Politik, in Weltanschauung und Moral und im Alltagsbild: Zahlreiche Kirchen, Adventsdekorationen im Herbst und Marienstatuen in jeder noch so kleinen Hütte zeugen von einer weit verbreiteten Frömmigkeit.

Bei der Kolonisierung war Spanisch die Sprache der winzigen Oberschicht – das Volk sprach weiterhin seine malaiischen Sprachen. Die wurden jedoch mehr und mehr mit spanischen Lehnwörtern durchsetzt. So stößt man heute auf ca. 20.000 Lehnwörter in der Hauptsprache Tagalog.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstand auf den Philippinen eine Bewegung für Selbstbestimmung und gegen die Kolonialherren und Ende des Jahrhunderts begann ein Befreiungskampf, so dass 1898 das ganze Land bis auf die Hauptstadt Manila unter der Kontrolle der Katipunan war, der philippinischen Befreiungsbewegung. Am 12. Juni desselben Jahres wurde die erste philippinische Republik ausgerufen. Die Spanier machten aus der Not eine Tugend und verkauften die Inselgruppe für 10 Millionen Dollar an die USA, mit denen sie sich gerade im Krieg befanden.

Damit begann ein dreijähriger blutiger Krieg des US-Militärs gegen die junge Republik, bei der ein Drittel der philippinischen Bevölkerung von amerikanischen Soldaten getötet wurde. Mindanao konnten die USA sogar erst es 1916 vollständig unter ihre Kontrolle bringen.

Die „Last des weißen Mannes" – die amerikanische Kolonialherrschaft

Die USA rechtfertigten die Unterwerfung der Philippinen mit dem Anspruch einer „wohlwollenden Assimilierung". Die Legende sagt, dass der damalige US-Präsident William McKinley das Land eigentlich gar nicht kolonialisieren wollte, aber einen Traum hatte, indem „es mir dämmerte, dass uns nichts übrig blieb, als die Filipinos zu erziehen, sie emporzuheben, zu zivilisieren und zu christianisieren". 50 Jahre lang haben die Amerikaner den Filipin@s ihre Werte und Englisch beigebracht, die Bodenschätze des Landes ausgebeutet und zahllose Plantagen angelegt, die das „Mutterland Amerika" mit Zucker, Ananas und Bananen versorgen sollten. Nach und nach haben sie den Eliten des Landes, von denen sie sich sicher sein konnten, dass diese im amerikanischen Interesse das Land regieren würden, mehr und mehr Kontrolle über das Land gegeben, um die Philippinen schließlich 1946 in die formelle Unabhängigkeit zu entlassen. Diese „Unabhängigkeit" ging jedoch mit vielen neokolonialen Vorrechten für die USA einher, unter anderem Freihandelsverträge, die die Philippinen benachteiligen und die Errichtung der zwei größten Militärstützpunkte außerhalb der USA, von denen aus maßgeblich der Vietnam-Krieg geführt wurde.

Das Ergebnis war eine tiefgreifende Amerikanisierung des Landes, gerade durch den Aufbau einer an Amerika orientierten Mittelklasse, die das Bildungssystem, die Wirtschaft und die politische Verwaltung führte und prägte. Die kulturelle Orientierung an den USA ist bis heute sehr stark - was auch dazu führt, dass man sich in diesem am meisten westlich anmutenden Land Asiens mit vielem sehr vertraut fühlt und der Kulturschock dann manchmal um so heftiger ausfällt.

Während des zweiten Weltkriegs eroberte Japan die Philippinen und versuchte, ihre eigene Version einer „großasiatischen Wohlstandssphäre" zu verwirklichen. Die Amerikaner zogen sich zurück und überließen das Land ihrem Schicksal. Die Japaner haben sich nicht viel besser als seinerzeit die deutschen „Herrenmenschen" im von ihnen unterworfenen Europa aufgeführt und so entbrannte erneut ein Unabhängigkeitskampf. Dieser wurde von einer Bauernarmee geführt, die schon in den 1930er gegen die verschärfte Ausbeutung durch die am Weltmarkt orientierten Großgrundbesitzer aufgestanden war. Der Anti-Japanischen-Befreiungsarmee Hukbahalap (kurz Huks) gelang es, weite Teile der Hauptinsel Luzon unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Kampf gegen die Japaner kostete einen enormen Blutzoll. Allein bei der Befreiung Manilas starben mehr als 100.000 Menschen, mehr als in den alliierten Bombardements Kölns, Hamburgs, Berlins und Dresdens zusammen. Die USA hielt das aber nicht davon ab, nach dem Krieg zu behaupten, sie allein hätten die Philippinen von den Japanern befreit und hart gegen die Huks vorzugehen.

So wiederholt sich Geschichte: eine endgültige Befreiung des Landes von der jetzt neokolonialen Kontrolle durch Freihandelsverträge, neoliberale Strukturanpassungsprogramme und eine unfaire Weltwirtschaftsordnung steht noch aus.