Entwicklung
Hunger in den Philippinen Drucken E-Mail

Ursachen der Hungerkrise in 2008 - Wer hungert warum?

Nachdem die Preise für Grundnahrungsmittel 2008 weltweit in die Höhe schossen, ist die Zahl der Hungernden weiter dramatisch angestiegen. Heute hungern über eine Milliarde Menschen – jede/r sechste Erdenbewohner/in, so die Welternährungsorganisation 2009. Das Recht auf Nahrung ist daher das am häufigsten verletzte Menschenrecht.

Aber Hunger ist kein Schicksal, sondern von Menschen gemacht. 10 von 100 Hungernden haben aufgrund von Naturkatastrophen und Kriegen nicht genug zu essen. Die restlichen 90 der 100 Menschen hungern, weil sie ausgegrenzt und diskriminiert werden. Hunger trifft daher ganz bestimmte gesellschaftliche Gruppen besonders hart. Die Hälfte aller Hungernden sind KleinbäuerInnen, 22 Prozent Landlose (bspw. Saisonarbeiter, Erntehelfer) und acht Prozent Indigene, Nomaden und Fischer. 80 Prozent der Hungernden leben auf dem Land, also dort wo Nahrung produziert wird.

Hunger

Man spricht von Hunger, wenn ein Mensch seinen Energiebedarf nicht decken kann und / oder seiner Nahrung notwendige Vitamine oder Mineralien fehlen. Als Hunger wird daher sowohl eine quantitative Unterernährung, als auch eine qualitative Mangelernährung bezeichnet.

 

 

Ihre größten Probleme sind zu wenig fruchtbares Land zum Anbau von Nahrungsmitteln, teures Saatgut und Düngemittel. Kredite bekommen sie nur von privaten Geldverleihern mit extrem hohen Zinsen. Einrichtungen für landwirtschaftliche Schulungen sind heute kaum noch vorhanden. Fast alle Staaten haben in den letzten Jahrzehnten die Unterstützung für diese Gruppen drastisch zusammengestrichen, wie auch das Beispiel Philippinen zeigt.

Weltweit explodieren die Nahrungsmittelpreise

Nehmen wir das Beispiel Reis, das Grundnahrungsmittel auf den Philippinen. Ab Herbst 2007 stiegen die Reispreise kontinuierlich an. Damals ahnte niemand, wie explosionsartig die Preise im Frühjahr 2008 in die Höhe schnellen würden. Der Reispreis stieg von 320 US-Dollar je Tonne auf fast 1.000 Dollar an.

Ärmere Menschen konnten sich dadurch noch weniger Nahrungsmittel leisten. Viele Experten hofften zwar, dass durch höhere Nahrungsmittelpreise wenigstens die KleinbäuerInnen mehr verdienen würden. Diese Einschätzung erwies sich aber als falsch. Die meisten KleinbäuerInnen sind nicht nur ProduzentInnen, sondern müssen Nahrung zukaufen, da sie nicht bedarfsdeckend produzieren. Damit traf die Preisexplosion auch sie. Außerdem stiegen die Preise für Düngemittel und Saatgut ebenfalls an. Der Preis für Phosphatdünger, eines der wichtigsten Düngemittel weltweit, verfünffachte sich zwischen Januar 2007 und August 2008 von 250 Dollar pro Tonne auf 1.230 Dollar pro Tonne. Mehreinnahmen durch höhere Verkaufspreise mussten direkt in Dünger und Saatgut investiert werden. GewinnerInnen waren also vielmehr die Händler, Düngemittel- und Saatgutkonzerne.

Philippinen: Vom Selbstversorger zum größten Reisimporteur der Welt

Bis 1984 produzierten die Philippinen genug Reis für die eigene Bevölkerung. Bis 1993 exportierten noch sie mehr Grundnahrungsmittel, als sie importierten. Sie waren Selbstversorger und damit unabhängig von Importen und Preisschwankungen auf dem Weltmarkt.

Heute ist alles anders. Die Philippinen sind der größte Reisimporteur der Welt. Sie importierten 2006 über 1,8 Millionen Tonnen Reis vor allem aus den USA und Vietnam. 2008, als der Reis extrem teuer war, mussten sie 2,3 Millionen Tonnen für 1,5 Milliarden Dollar importieren.

Wie kam es dazu? Nach dem Sturz des Diktators Ferdinand Marcos im Jahr 1986 wurde auf Druck des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank der Rückzahlung der Staatsschulden oberste Priorität gegeben. So flossen zwischen 1986 und 1993 30 Milliarden Dollar aus dem Land. Gelder für soziale Leistungen und die Landwirtschaft wurden im Gegenzug massiv zusammengestrichen. Wurden 1983 noch 7,5 Prozent des Haushalts für die Landwirtschaft ausgegeben, so waren es 1998 nur noch 3,3 Prozent. Diesen so genannten Strukturanpassungsmaßnahmen folgte 1995 der Eintritt in die Welthandelsorganisation WTO. Die Philippinen mussten nun auch die Importbeschränkungen auf landwirtschaftliche Produkte aufheben und die Importzölle senken. Sie konnten die heimische Produktion nicht mehr angemessen vor Billigimporten schützen. 1998 erreichten die Reisimporte den Rekordwert von 2,1 Millionen Tonnen. Der Produzentenpreis für Reis (der Preis, den Bauern beim Verkauf an Händler erzielen) fiel von 310 Dollar/t (1996) auf 160 Dollar/t (2001) und die Anbaufläche für Reis und Mais sank von 7,1 Millionen Hektar (1990) auf 6,5 Millionen Hektar (2001). Die Philippinen wurden so in die Abhängigkeit getrieben, was sich 2008 bitter rächte.

Kein Reis auf den Philippinen: Hungerdemonstrationen 2008

Schon 2007 stieg der Preis für Reis auf den Philippinen kontinuierlich an. Der nationale Reispreis gab so den Anstieg des Weltmarktpreises wider. Im März 2008 explodierte der Reispreis auf den Philippinen regelrecht. Lag im Februar der Preis für ein Kilo Reis noch bei 24 bis 28 PHP (Philippinische Peso), stieg er im März auf 33 bis 37 PHP an. In der Hauptstadt Manila stieg der Preis innerhalb einer Woche von 50 Cent auf 1,15 Dollar.

In vielen Teilen des Landes demonstrierten arme Bevölkerungsgruppen, die sich keinen Reis mehr leisten konnten. Bauernorganisationen forderten die Regierung auf, den Reispreis zu regulieren und einen Höchstpreis festzulegen. Die philippinische Regierung musste reagieren. Sie kaufte allein von März bis Mai über eine Millionen Tonnen Reis teuer auf dem Weltmarkt ein. Große Mengen staatlich subventionierter Reis wurden an die Bevölkerung verteilt, um landesweite Unruhen zu verhindern. Eine nationale Revolte wurde abgewendet. Die negativen Folgen der Preisexplosion waren aber nicht zu übersehen. Die Zahl der Hungernden stieg bis Ende 2009 massiv an. Heute hat jeder vierte Haushalt nicht genug zu essen. Hunger betrifft etwa 22 Millionen Menschen auf den Philippinen.

Kein Umdenken in Sicht: Land wird für Exportplantagen verschleudert

Annanas für den ExportDie Regierung hatte 2008 während der Aufstände versprochen, den heimischen Reisanbau wieder anzukurbeln. Außerdem ist sie durch die gesetzlich verankerte Agrarreform verpflichtet, Land an Kleinbauern und Landarbeiter zu verteilen, denn auf den Philippinen kontrollieren bis heute wenige Familienclans große Teile des Landes. Tatsächlich tut die Regierung das Gegenteil: Bis heute warten rund 700.000 KleinbäuerInnen auf die versprochene Zuteilung von Land, gleichzeitig verpachtet oder verkauft die Regierung riesige Flächen Land an ausländische Investoren (auch Land Grabbing genannt). Und diese Investoren wollen keine Grundnahrungsmittel für die Philippinen anbauen. Sie wollen entweder Energiepflanzen zur Gewinnung von Agrartreibstoffen anbauen oder aber Nahrungsmittel für reicher Länder. Einige Beispiele: 2008 haben sich Bahrain 10.000 Hektar und Südkorea knapp 100.000 Hektar Land zum Reisanbau für die eigene Bevölkerung gesichert. Die japanische Firma Pacific Bio-Fields hat gerade 400.000 Hektar Land (das entspricht etwa 570.000 Fußballfeldern) für Kokosnuss-Plantagen für 50 Jahre von der Regierung zugeteilt bekommen. Aus der Kokosnuss sollen Agrartreibstoffe für den japanischen Markt produziert werden.

Die Regierung verletzt ihre menschenrechtlichen Pflichten

Die Regierung hat mit der Verteilung von Grundnahrungsmitteln einen nationalen Aufstand knapp verhindert, aber bis heute nichts gegen die Ursachen des Hungers getan. Im Gegenteil verschärft sie mit der Vergabe riesiger Landflächen für die Exportproduktion die Abhängigkeit von Importen. Ackerflächen für die eigene Bevölkerung und den Anbau von Grundnahrungsmitteln werden noch knapper und Agrarreformen noch schwieriger durchzusetzen. Die Regierung verletzt damit ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen, die sie mit der Unterzeichnung des Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte der Vereinten Nationen und dem dort verankerten Menschenrecht auf Nahrung eingegangen ist.

Nahrung ist mehr als eine Ware

Angesichts der Tatsache, dass 80 Prozent der Hungernden weltweit auf dem Land leben, muss Hungerbekämpfung, die sich an den Menschenrechten ausrichtet, besonders den Bedürfnissen dieser Gruppen gerecht werden. Die Preisexplosion bei Grundnahrungsmitteln in 2008 hat gezeigt, dass eine immer größer werdende Abhängigkeit vom Weltmarkt, wie dies bei den Philippinen der Fall ist, eine Gefahr für die Ernährungssicherung darstellt und eine auf nationaler Produktion fußende Ernährungssicherung besonders bei armen Staaten die wichtigste Säule einer Hungerbekämpfungsstrategie sein muss. Die Förderung einer kleinbäuerlichen Nahrungsmittelproduktion durch eine gerechtere Verteilung von Land (Landreformen) und staatliche Unterstützungen (Kleinkredite, Förderung lokaler Märkte, Schulungen) müssen dabei im Zentrum stehen. Weiterhin müssen Staaten wie die Philippinen ihre handelspolitische Rahmensetzung derart ausgestalten, dass KleinbäuerInnen nicht durch Billigimporte ihre Absatzmärkte verlieren.

Nahrungsmittel, insbesondere Grundnahrungsmittel, können angesichts ihrer zentralen Bedeutung für die Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse nicht wie jedes andere Produkt behandelt werden. Sie haben über ihren Warenwert hinaus eine zentrale Funktion für jede Gesellschaft und sind Grundlage für die Durchsetzung des Menschenrechts auf Nahrung.

 

Literatur

  • Bello, Walden (2008): Manufacturing a Food Crisis. Global Asia Vol. 3 Nr. 2.
  • BMELV (2010): Die Deutsche Landwirtschaft. Leistungen in Daten und Fakten.
  • FAO (2009): The State of Food Insecurity in the World 2009 (i.E.). Rom
  • UNDP (2003): Halving Global Hunger. Background Paper of the Millennium Project Task Force on Hunger. New York
  • M. Mangahas (2010) Social Climate. New Record Set in 2009 Surveys
  • Vereinte Nationen (1999): Komitee für Wirtschaftliche, Soziale und Kulturelle Menschenrechte. Allgemeiner Rechtskommentar 12 zum Recht auf Nahrung. Genf
  • Grenfell, Oscar (2008): Rice shortages heighten political crisis in the Philippines. http://www.wsws.org/articles/2008/apr2008/rice-a08.shtml (25.07.2009)
  • FAOStat (2009): http://faostat.fao.org/site/535/DesktopDefault.aspx?PageID=535#ancor (15.07.2009)
  • Pinypress (2008): Rice NGO Seeks Lower-Priced Rice Market. http://www.pinoypress.net/2008/05/30/rice-ngo-seeks-lower-priced-rice-in-market/ (17.07.2009)
  • Philippine Daily Inquirer (2009): S. Korea leases 94,000 ha in Mindoro. (16.7.2009

Autor: Roman Herre