Wirtschaft
Tourismus in den Philippinen Drucken E-Mail
 StrandWer als ausländischer Tourist auf dem Internationalen Flughafen in Manila ankommt, reist entweder direkt weiter zu den Traumständen etwa auf der Insel Boracay oder er fährt zunächst in eines der besseren Hotels am Roxas Boulevard an der Manila Bay. Vollklimatisiert untergebracht und von vielen helfenden Händen umsorgt, stört nichts die Erholung und die beginnenden Urlaubsfreuden.

Nur wer sich aus dem Hotel begibt, und beispielsweise durch den Stadtteil Ermita spazieren geht, stößt auf Widersprüche: Riesige bewachte luxuriöse Einkaufszentren, in denen Waren und Angebote jeder Art zu haben sind: Designer- und Marken-Kleidung, Spielwaren, Unterhaltungselektronik und die aktuellsten Mobiltelefone. Nur ein paar Meter entfernt machen abends zahllose Bars, Kneipen und Restaurants auf und versuchen, die Touristen hineinzulocken. Ein paar Ecken weiter breiten Obdachlose ihre Pappkartons aus, und legen sich mit ihren Kindern auf dem Bürgersteig oder in einer Hauseinfahrt zum Schlafen hin...

Und dabei zählt Ermita zu den normaleren Vierteln, und kann nicht als Slum bezeichnet werden. Die kann man sehen, wenn man Manila nicht mit dem Inlands-Flieger, sondern mit einem der Fernverkehrsbusse verlässt, und dann werden die Lebensverhältnisse vieler Einwohner sofort augenfällig. Denn die Slums der philippinischen Hauptstadt verbreiten sich unter Autobahnbrücken und entlang der Ausfallstraßen. Immer wieder sind Pappschilder mit dem Hinweis zu lesen „We are Junk-Dealer" (zu Deutsch: Wir kaufen und verkaufen Abfall und Schrott). Doch in die Slums mit manchmal mehreren zehntausend Bewohnern verirrt sich kein Tourist. Was sollten sie auch dort, wo die Menschen oft zu fünft oder siebt in einer garagengroßen Hütte leben, meist mit weniger als zwei Dollar am Tag zum Leben. Erholsam ist es dort jedenfalls nicht.

Kaum eine Flugstunde von Manila entfernt, in den Touristenzentren, erinnert nichts an die Lebensverhältnisse in solchen städtischen Slums. Die Philippinen sind ein beliebtes Reiseziel in Südostasien. Sie werden überwiegend von asiatischen, nordamerikanischen und europäischen Urlaubern besucht. Die Zahl der ins Land kommenden Besucher, so das Tourismusministerium, lag 2009 bei ziemlich genau drei Millionen Touristen pro Jahr. Gibt ein Besucher durchschnittlich rund 1.000 Dollar aus, liegt der Umsatz der philippinischen Tourismusindustrie etwa bei drei Milliarden Dollar. Als Folge der Weltwirtschaftskrise ging die Zahl der Touristen im Vergleich zu 2008 um fast vier Prozent zurück. Einige Jahre zuvor hatte man für 2010 sogar fünf Millionen Besucher angepeilt, und in manchen Regierungs-Veröffentlichungen wird diese Zahl angeblich auch erreicht – vermutlich jedoch nur schöngerechnet.

Doch unabhängig von den tatsäch- lichen Zahlen: Auf den Philippinen ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle geworden. Und das Land hat das Potenzial, den Wirtschaftszweig weiter auszu- bauen: Eine gut gebildete, englisch sprechende und überaus freundliche Bevölkerung, eine immer noch einigermaßen intakte Natur, weiße Strände mit schönen Segel-, Surf- und Tauchparadiesen, bizarre Vulkan- und Berglandschaften, wunderschöne Reisterrassen, und - last not least - niedrige Preise. Vieles an einer ausgebauten touristischen Infrastruktur kommt auch der normalen Bevölkerung zugute, etwa neue Straßen und Häfen.

Doch der Tourismus verläuft selten sozial verantwortlich, mit einem fairen Anteil oder einem akzeptablen Einkommen für die lokale Bevölkerung. In vielen Fällen finden die Einheimischen einen Job nur auf der Basis von Tagelöhnern oder sie werden längstens für drei Monate beschäftigt, daraufhin gekündigt und anschließend wieder neu eingestellt, für weitere drei Monate, um den Sozialschutz zu umgehen.

Außerdem gelten die Philippinen immer noch als „beliebtes" Ziel von (Kinder-)Sex-Touristen. Armut und Korruption tragen dazu bei, dass dieser Sektor weiter wächst. Ein Viertel aller Prostituierten gelten als minderjährig. Im Großraum Manila, so wird geschätzt, sollen rund 20.000 Kinder und Jugendliche das Opfer von sexueller Ausbeutung sein, die meisten davon weiblich, etwa 100.000 sollen es landesweit sein.

Haus im UrwaldShay Cullen ist Mitbegründer des in Olongapo angesiedelten Kinderschutzzentrums von PREDA, drei Autostunden nördlich von Manila. Der irische Pater wird auf den Philippinen verehrt, zugleich aber auch gehasst. Zwei Mal wurde er für den Friedens-Nobelpreis vorgeschlagen und bereits einmal mit dem Menschenrechtspreis der Stadt Weimar ausgezeichnet — für seinen langjährigen Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern.

Wieso Kinderprostitution auf den Philippinen weiterhin boomt, erklärt Pater Shay so: „Hier in den Philippinen haben wir es mit politischen Dynastien zu tun, die die Macht inne haben; sie vergeben entsprechende Lizenzen und Zulassungen für Pubs und Bars." Im Gegenzug seien die Barbesitzer bereit, „viel Geld zu zahlen, um ihre Sex-Geschäfte betreiben zu können", so Cullen. Im Übrigen gehöre die Mehrheit dieser Sex-Clubs Fremden, Ausländern, „aber sie beschäftigen lokale Zuhälter und Schlepper, die für sie arbeiten." Die Kunden stammen aus dem In- wie dem Ausland.

Pater Shay unterstützt ein Projekt des sogenannten „sanften" Tourismus gemeinsam mit dem indigenen Volk der Aeta, die PREDA bereits mit dem Fairen Handel unterstützt. Im neu gebauten Dorfgemeinschaftshaus gibt es jetzt ein paar Gästezimmer – als Auftakt für einen Tourismus auf Augenhöhe. Und damit wären wir bei einer Reiseform, die in sich ausgewogen ist: ökologisch wertvoll, ökonomisch vorteilhaft, sozial verantwortlich und kulturell stimmig. Touristen mit Interesse an der Lebensweise der Aeta erhalten Führungen durch den Regenwald und in die Berge, sie lernen die Bräuche und Traditionen des kleinen Volkes kennen und erfahren hautnah ihren Alltag. Inklusive eines unüberhörbaren Kinderlachens.

Verhältnisse wie in Ermita und den Slums von Manila vermag sich in der Lebenswelt der Aeta kaum jemand vorzustellen. Man hat allenfalls schon mal davon gehört.

 

 

Autoren: Klaus Betz, Martin Block