Wirtschaft
Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Philippinen Drucken E-Mail
IMG_7946Was haben ein/e HausbesitzerIn in den USA, ein/e BankerIn in Deutschland und ein/e ArbeiterIn aus den Philippinen gemeinsam?

Auf den ersten Blick scheint es keine Gemeinsamkeiten zwischen den dreien zu geben. Doch alle drei sind von der weltweiten Wirtschaftskrise betroffen. Sie verloren entweder ihr Haus oder ihren Job. Wie ist das passiert?

Sehr vereinfacht dargestellt kann man sagen, dass in den USA bis Ende 2007 Kredite für den Kauf von Immobilien, hauptsächlich Wohnungen und Häuser, von Banken bereitgestellt worden sind, ohne genauer zu prüfen, ob die Immobilienkäufer/innen sich diese überhaupt leisten können. Im Grunde haben die Banken Geld in Form von Krediten verliehen, von denen sie nicht wussten, ob sie es zurückbekommen. Kredite bergen immer ein gewisses Risiko für die Banken. Das Risiko ist, dass Banken ihr verliehenes Geld nicht wiederbekommen. Daher schlagen die Banken immer einen gewissen Prozentsatz zur Risikoabsicherung, neben anderen Zuschlägen, auf die Kredite. Wenn man sich zum Beispiel 100.000 Euro für eine Wohnung leiht, muss man über einen vorher festgelegten Zeitraum 100.000 plus Zinsen und Gebühren zurückbezahlen.

 

Doch die Banken hatten eine weitere Idee, wie sie ihr Risiko senken können. Sie haben zusätzlich diese Kredite zu Aktienpaketen gebündelt und an andere Banken verkauft. Damit trägt die Bank das Risiko nicht mehr alleine und andere Banken können auf steigenden Wert der Aktienpakete spekulieren und damit Gewinne machen.

Das Ganze gleicht in etwa einer Wette und wird von internationalen Nicht-Regierungsorganisationen wie Attac mit dem Spielen in einem Casino verglichen. Denn es gibt keine Sicherheit, das eingesetzte Geld auch wieder zurück zu bekommen. Genau das ist dann aber passiert. Zuerst konnten Kreditnehmer/innen aus den USA ihre Kredite nicht mehr zurückbezahlen. Dann bekamen einige Banken Angst, dass ihre gekauften Aktienpakete wertlos geworden sind. Sie verkauften die Aktienpakete. Durch den Verkauf gab es auf einmal mehr Aktienpakete als KäuferInnen, wodurch der Wert weiter sank. Am Ende verloren einige Banken so viel Geld, dass sie Konkurs anmelden mussten und Leute entlassen wurden.

Wie hängt der Konkurs von US-amerikanischen und deutschen Banken mit den Philippinen zusammen?

Im Gegensatz zu den USA und Europa sind in den Philippinen keine Banken und Versicherung pleite gegangen. Das hatte vor allem zwei Gründe. Zum einen betätigen sich philippinische Banken nur gering im internationalen Spekulationsgeschäft, also in den Wetten mit Aktienpaketen. Zum anderen hatten die philippinischen und andere südostasiatische Länder schon vor gut zehn Jahren eine Krise, die sogenannte Asienkrise. In deren Anschluss wurden strenge gesetzliche Regularien für den asiatischen Finanzmarktaufgestellt.

shutterstock_60633133Als in den USA die ersten Menschen sahen, dass es zu einer Wirtschaftskrise kommen würde und einige Banken Probleme bekamen, erreichte die Philippinen eine andere Krise, nämlich die Nahrungsmittelkrise. Wie in rund dreißig weiteren Staaten, gab es im März 2008 in den Philippinen Tumulte, aufgrund von Lebensmittelknappheit und drastisch gestiegenen Preisen. Die Nahrungsmittelpreise stiegen innerhalb eines Jahres um 18,6 Prozent. Am schlimmsten traf es die armen Menschen, die sich hauptsächlich von Reis ernähren. Ein Kilo Reis kostete anstatt wie zuvor 18 Pesos zeitweilig bis 50 Pesos (73 Euro-Cent). Warum waren die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis so stark angestiegen? Anfänglich dachten ExpertenInnen, dass die steigende Nachfrage durch die so genannten Schwellenländer, die stagnierende Produktivität der globalen Landwirtschaft und der Anbau von Treibstoffpflanzen verantwortlich seien. Doch der Hauptgrund für den Preisanstieg bei den Nahrungsmitteln lag in der Spekulation auf die Lebensmittelpreise. Denn es war ausgehend von der Krise auf dem US-Immobilienmarkt, wo Kredite geplatzt waren und Aktienpakete wertlos wurden, zu einem Wandel bei den Investitionen gekommen. Banken und andere Investoren hatten statt in Immobilien wie Häuser und Wohnungen in sogenannte landwirtschaftliche Futures investiert. Für die SpekulantInnen ein gewinnbringendes Geschäft, für Staaten wie die Philippinen, in denen eine/r von fünf ArbeiterInnen nicht genug zum Leben verdient, eine starke Verschärfung der Krise. Laut einer im Oktober 2008 veröffentlichten Umfrage vom Forschungsinstitut IBON, bezeichneten sich 78 Prozent der befragten Filipin@s selbst als arm.

Bei Futures handelt es sich um Terminverträge, bei denen die Ware zu einem vorher festgelegten Preis geliefert wird. Die BäuerInnen verkaufen zum Beispiel im Frühjahr ihre Ernte des nächsten Herbstes. Das bedeutet, sie legen schon früh fest, welchen Preis sie pro Kilo bekommen. Für die BäuerInnen bedeutet das Planungssicherheit, weil sie wissen, wie viel Geld sie einnehmen werden. Für die Banken ist das Ganze eine Wette. Sie wetten, dass die Kilopreise bis zum Herbst ansteigen werden. Das bedeutet dann für sie, dass sie die Waren viel günstiger gekauft haben und Gewinne machen können. Der Handel mit „Futures" dient eigentlich der Risikoabsicherung von LandwirtInnen gegen Preisschwankungen.

Spätestens mit dem Konkurs der Bank Lehman Brothers im September 2008 verbreitete sich weltweit die Erkenntnis, dass die Weltwirtschaft in einer seiner größten Krisen steckte. Die Philippinen, so konnte man schon früh lesen, würden hauptsächlich auf drei Arten von der Krise getroffen werden. Erstens durch den Rückgang der Exporte und zweitens durch das Sinken der Rücküberweisungen der im Ausland arbeitenden Filipin@s (Overseas Filipino Workers (OFWs)).

Das größte Problem von exportierten philippinischen Produkten war, dass fast alle Länder, die üblicherweise die Produkte kauften, ebenfalls in der Wirtschaftskrise waren. Wenn sich Länder in ökonomischen Krisen befinden, haben die Menschen in diesen Ländern meistens weniger Geld um neue Produkte zu kaufen. Für die Philippinen hieß das, dass insgesamt im Januar 2009 ein Exportrückgang von 41 Prozent im Vergleich zum Vorjahr beobachtet wurde.

Von 100 exportierten philippinischen Produkten sind 67 Fernseher, Computer oder andere elektronische Geräte. Durch die Weltwirtschaftskrise sank die Nachfrage nach elektronischen Geräten stark. Über 40.000 Menschen, also fast jede/r zehnte ArbeiterIn in der Elektronikbranche, verloren ihren Job während der Krise.

Doch schon vor der weltweiten Wirtschaftskrise befanden sich die Philippinen in einer ökonomischen Krise. Die Wirtschaft wuchs zwar in den letzten Jahren stetig, aber es handelte sich um ein Wachstum, das nur einen geringen Einfluss auf die Reduzierung der nationalen Armut hatte. Während die Lebenshaltungskosten von 2003 bis 2006 um durchschnittlich 22 Prozent stiegen, erhöhten sich die Einkommen im selben Zeitraum nur um 16,3 Prozent. Das bedeutet, dass auch weiterhin viele Menschen trotz Arbeit nicht genügend Geld verdienen, um menschenwürdig leben zu können.

ExpertenInnen sprechen auch von einem „jobless growth", also einem Wachstum, dass keine oder nicht genügend neue Arbeitsplätze schafft. Im Jahr 2007 wurden insgesamt 924.000 neue Jobs geschaffen, im Krisenjahr 2008 nur noch eine halbe Million. Viel zu wenig für ein Land, in dem jährlich über eine Million neue Berufseinsteiger auf den Arbeitsmarkt drängen. Bereits vor der Krise im Jahr 2007 gab es 4,1 Millionen offizielle Arbeitslose sowie weitere 6,8 Millionen, die als „working poor" oder unterbeschäftigt galten. Unterbeschäftigt heißt, dass trotz Arbeit der Lohn bzw. die Löhne aus mehreren Jobs nicht reichen, um die minimale Grundversorgung zu gewährleisten. Die im informellen Sektor Beschäftigten und die nicht-offiziell gemeldeten Arbeitslosen sind in dieser Statistik noch nicht einmal enthalten.

Schon im Oktober 2008 zeigten sich die ersten krisenbedingten Auswirkungen auf die philippinische Arbeitslosenstatistik. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Arbeitslosenquote um circa 0,6 Prozent auf über elf Prozent. Vier Monate später prognostizierte die IBON Foundation gar, dass die Zahl der von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung Betroffenen auf bis zu zwölf Millionen steigen könnte.

Rücküberweisungen

GeldDie Rücküberweisungen der philippinischen Auslandsarbeiter/innen (OFWs) galten als besonders sensibel in Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Denn die OFWs sind mehrfach betroffen. Erstens durch den Rückgang der Nachfrage nach ihrer Arbeitskraft. Zweitens durch Entlassungen, aufgrund von Nachfragerückgängen oder Einsparungsmaßnahmen. Drittens durch Lohn-Dumping, verursacht durch den steigenden Wettbewerb um Arbeitsplätze auf dem Arbeitsmarkt.

Für die Philippinen kommt verschärfend hinzu, dass über 50 Prozent der Rücküberweisungen vom amerikanischen Kontinent stammen. 2007 kam fast die Hälfte der insgesamt 14,5 Milliarden US-Dollar an Rücküberweisungen aus den USA.

Die Reaktionen der philippinischen Regierung

Als Deutschland im Januar 2009 ein Stimulationsprogramm verabschiedete, das unter anderem die Abwrackprämie für Altautos beinhaltete, reagierte auch die philippinische Regierung mit einem Stimulationspaket, dem sogenannten Economic Resiliency Plan (EPR). Insgesamt wurden 330 Milliarden Pesos (rund fünf Milliarden Euro) zur Verfügung gestellt, davon waren allerdings nur 50 Milliarden Pesos „neues Geld", das heißt, sie waren vorher noch nicht anderweitig im Haushalt verplant. Die Nationalökonomie, so schätzte die Regierung durchaus richtig ein, sei vor allem durch Entlassungen der Arbeiter/innen in der Exportindustrie und der OFWs sowie durch rückläufige Auslands-Direktinvestitionen (FDI) betroffen. Daher regt der EPR vor allem an, die Beschäftigten in den exportorientierten Branchen, die OFWs und die armen Bevölkerungsgruppen zu schützen. Es fehlen allerdings konkrete Vorschläge, wie dies umzusetzen sei. Knapp die Hälfte der Gelder aus dem EPR (160 Milliarden Pesos) sollte für eine beschleunigte Umsetzung von Infrastrukturmaßnahmen eingesetzt werden. 20 Milliarden waren als Steuerentlastung für Unternehmen eingeplant, weitere 20 Milliarden Steuerentlastungen für MindestlohnbezieherInnen und 30 Milliarden Pesos waren als zusätzliche Leistungen für die staatlichen, sozialen Sicherungssysteme (u.a. das philippinische Gesundheitssystem PHILHEALTH) gedacht. Offiziell sollten diese zusätzlichen Leistungen in den staatlichen, sozialen Sicherungssystemen „den Armen" zu Gute kommen. Tatsächlich unterstützt die Regierung damit aber nur die städtischen Mittelschichten, da die meisten Armen keine Sozialversicherungen besitzen.

Nicht nur im Bereich der Armutsbekämpfung wurde dieses Programm als „ungenügend" kritisiert, sondern viele KritikerInnen wiesen auch darauf hin, dass die Erwartungen an den EPR völlig überzogen seien. Knapp die Hälfte der Gelder aus dem EPR sollten für die Beschleunigung bestehender Infrastrukturmaßnahmen und nicht für neue Maßnahmen verwendet werden. Diese Gelder wurden trotz dringenden Bedarfs viel zu spät ausbezahlt oder verschwanden gar direkt in den Taschen korrupter Politikerinnen.

Emmanuel M. Hizon von "Freedom from Debt Coalition" (FDC):
"Diese Krise macht sich in den Philippinen in unserem steigenden Finanzdefizit bemerkbar. Das heißt, die Regierung gibt mehr aus als sie einnimmt. Wir fanden heraus, dass die Regierung zwar Geld ausgibt, aber nicht, um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise abzuschwächen. Die Regierung gibt sehr viel aus und verursacht damit ein riesiges Haushaltsdefizit, welches im Moment 260 Milliarden Pesos (4,4 Milliarden Euro) beträgt. Dieses große Defizit rührt daher, dass die Regierung trotz der Wirtschaftskrise noch immer ihre Politik der Schuldentilgung verfolgt, und zwar für Inlands- und Auslandsschulden. Unser Argument ist, dass die philippinische Regierung aufgrund der Wirtschaftskrise die sofortige Aussetzung der Tilgung von Auslandsschulden anordnen sollte. Obwohl das Land von Entbehrung, Armut und der Zerstörung seiner Wirtschaft bedroht ist, zahlt die Regierung aber weiterhin Schulden ab. Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler oder besonders intelligent sein, um sich überlegen, was man tut, wenn die eigene Familie Hunger leidet. Man versucht zuerst, etwas zu Essen zu bekommen, bevor man Schulden bezahlt. Das kann man schließlich später immer noch tun." http://fdc.ph

 

 

Kumusta ka? What's up?

Frau mit KindSeit 2010 wächst die Wirtschaft weltweit wieder. Die Krise scheint in vielen Ländern überwunden. Nun zeigen sich die strukturellen Probleme der philippinischen Wirtschaft sehr deutlich. Nach einer Studie der Weltbank von April 2010 haben die Philippinen mit 3,5 Prozent nach den Fiji-Inseln das niedrigste Wirtschaftswachstum in Asien. Gründe für das geringe Wachstum der Philippinen sieht die Weltbank vor allem in der schlechten Infrastruktur und der schwachen Wettbewerbsfähigkeit. Vor allem kleinere und mittlere Betriebe seien schlecht in die Finanzwelt eingebunden und bekämen kaum Kredite.

Natürlich sind diese ökonomischen Zahlen alleine nicht aussagekräftig. Denn, wie gezeigt, hat auch vom früheren Wirtschaftswachstum häufig nur die Mittel- und Oberschicht profitiert, eine deutliche Reduktion der Zahl der in Armut Lebenden hat nicht stattgefunden.

Stattdessen sind die Philippinen allein in den letzten drei Jahren von vielen unterschiedlichen Krisen betroffen gewesen. Neben der Nahrungsmittel- und der Wirtschaftskrise treffen nach den Taifunen im Jahr 2009 in der ersten Hälfte des Jahres 2010 mit dem El Niño-Phänomen erneut der Klimawandel die Philippinen. Lange Dürreperioden und Wasserknappheit verschärfen die Situation insbesondere für Beschäftigte in der Landwirtschaft.

Zudem wird sich die Krise des Euros auf viele Projekte der Entwicklungszusammenarbeit wie z.B. den Bau von Schulen und Gesundheitszentren auswirken. Ein schwächerer Euro bedeutet einen schlechteren Umrechnungskurs von Euro in Peso.


Autor: Michael Reckordt