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Gender: Geschlechterrollen in den Philippinen Drucken E-Mail

 Teilnehmerin an einem SchönheitswettbewerbIn jeder Gesellschaft gibt es andere Vorstellungen darüber, was zu den Aufgaben der Frauen und denen der Männer gehört. Die Rollen der Frauen und Männer sind also nicht biologisch vorgegeben sondern sozial erlernt. Wie wir uns als Frauen und Männer verhalten sollen, wird uns als Mädchen und Jungen in unserer Kindheit und Jugend beigebracht. Daher unterscheidet man zwischen dem biologischen Geschlecht und dem sozial erlernten Geschlecht. Der englische Begriff Gender bezeichnet das soziale und psychologische Geschlecht einer Person.

 

Traditionelle Geschlechterrollen in den Philippinen

Wie in vielen anderen Ländern der Welt auch, werden in den Philippinen Mädchen dazu erzogen, bescheiden, zurückhaltend, sittsam, und hilfreich zu sein, während Jungen dazu erzogen werden, aggressiv, tapfer, dominant, und unabhängig zu sein. Kinder werden im Allgemeinen für die Arbeit ausgebildet, die zu ihrem sozialen Geschlecht passt. Mit dieser Rollenzuweisung gehen all die Erwartungen im Hinblick auf Männlichkeit und Weiblichkeit einher. Von Männern wird erwartet, ein Macho zu sein und sexuelles Können zu zeigen, dominant, stark, mutig und verwegen zu sein. Man erwartet von ihnen, gute Versorger und Brotverdiener zu werden und der Kopf und Beschützer der Familie zu sein. Junge Mädchen bekommen die häuslichen Aufgaben zugewiesen. Sie unterliegen mehr Beschränkungen als die Jungen. Die Schule vollendet die gesellschaftliche Erziehung, indem sie jungen Männern und Frauen geschlechterspezifische Aufgaben zuweist.

Ähnlich berichtet Michael Tan: „Männer werden bei uns zu einer Männlichkeit erzogen, die sich vornehmlich in Form von Privilegien ausdrückt. Wenn man junge Männer fragt, was sie unter 'Mannwerden' (tagalog: pagkabinata) verstehen, werden sie sagen: rauchen und trinken dürfen, lange weg bleiben und die Schule schwänzen. Junge Frauen dagegen definieren ‚Frauwerden' (tagalog: pagkadalaga) als Verantwortung zu übernehmen: die Schule abschließen, eine Job finden, den Geschwistern durch die Schule helfen."

Das Idealbild des philippinischen Männlichkeitsverhalten zeichnet sich durch „ausgiebigen vorehelichen und außerehelichen Sex, den Beweis männlicher Fruchtbarkeit durch frühes und schnelles Kindermachen, eine negative Einstellung gegenüber Kondomen, ein dominantes Verhalten gegenüber Frauen, die Geringschätzung häuslicher Pflichten, die Missbilligung außerhäuslicher Erwerbsarbeit ihrer Frauen und die Betonung von körperlicher Stärke (und oft Gewalt) als Form der Lösung von Meinungsverschiedenheiten" aus.

Das klassische Frauenbild wird gegensätzlich zum Männerbild verstanden. Frauen gelten und verstehen sich meist auch selber in erster Linie als Sorgende und Lebensspenderin. Frausein erfüllt sich in der Ehe, zum Beispiel als liebende Mutter, verständnisvolle und emotionale Stütze des Mannes. So manche Filipina nennt ihren Mann liebevoll „meinen ältesten Sohn", aber ist dabei auf einen starken, beschützenden Partner angewiesen. Frauen gelten als die Verantwortlicheren und Geduldigeren. Daher sind sie es auch, die für das Gelingen der Ehe verantwortlich gemacht werden.

Geschlechterverhältnisse

Diese unterschiedlichen Rollen äußern sich in eindeutigen Vorrechten des Mannes. In der Öffentlichkeit ist es zum Beispiel ein männliches Vorrecht, Alkohol zu trinken. Daher drängen sich die Männer abends in den Kneipen und Bierhäusern oder treffen sich zum Trinken auf dem Dorfplatz. Frauen gehen seltener aus, schon gar nicht allein, denn sie wollen nicht als „leichtes Mädchen" gelten. In den Städten ändert das sich aber langsam. So lange Frauen noch nicht verheiratet sind, wird es immer unanstößiger, dass auch sie abends – gemeinsam mit anderen Freundinnen - ausgehen. Sind sie aber erst einmal verheiratet, sollen sie sich abends eher um Mann und Kinder kümmern.

Auf gemischte Cliquen (tagalog: barkada) trifft man selten. Die Mädchen bleiben unter sich. Und von den wenigen Mädchen in männlichen Barkadas behaupten die Jungs manchmal, sie ins Bett geschleppt zu haben. Heiraten würden sie die Mädchen aber nicht – sie seien ja walang hiya, ohne Anstand.

Untreue Ehemänner betrachten ihre Affären und Seitensprünge als ganz natürliche männliche Bedürfnisse und genießen unter ihren Kollegen Neid und Ansehen. Sollte aber seine eigene Frau ihrerseits fremd gehen und dies an die Öffentlichkeit dringen, gilt er fortan sprichwörtlich als jemand mit Scheiße auf dem Kopf (tagalog: may tae sa ulo).

Frauen sind nicht nur Opfer der Verhältnisse, sondern tragen auch aktiv zu dem Fortbestehen ihrer Benachteiligung bei. Sie wählen Aufgaben, die ihnen die Männer überlassen. Sie erwerben vornehmlich berufliche Qualifikationen, die besonders eng an Mütterlichkeit, Fürsorglichkeit, ständigen Verfügbarkeit, Geduld und ähnlichem anknüpfen. Sie beteiligen sich an der Aufrechterhaltung geschlechtsspezifischer Ungleichheit, indem sie ihre Rollen akzeptieren und ihre Töchter in diese Strukturen einführen.

Die Sprache

Das Tagalog-Wort siya (er-sie-es) kennt keine Unterscheidung nach Geschlecht. Das erschließt sich immer aus dem Kontext. Oft kommt es selbst im Gespräch mit sehr gut Englischsprechenden vor, dass sie mitunter von „he" (er) sprechen, wenn ganz offensichtlich nur eine „she" (sie) gemeint sein kann.


Schönheit

In den Philippinen stellen Menschen mit weißer Haut, großen Augen und spitzer Nase das Schönheitsideal dar. Filipinas sind sehr stark von der (kolonialen) Idee geprägt, dass es erstrebenswert sei, eine mögliche helle Haut und keine Stupsnase zu haben. Die Nase zu korrigieren, wäre zu teuer. Aber nahezu jede Seife, Creme oder Lotion verspricht eine hellere Haut (tagalog: maputi). Hautpflege ist der wichtigste Zweig der philippinischen Schönheitsindustrie. Die oft gewünschte Heirat mit einem Weißen hat nicht nur finanzielle Gründe, sondern wurzelt auch in dem Wunsch, weißere Kinder zu bekommen.

Dass Frauen in den Philippinen sehr stark über ihren Körper definiert werden, führt dazu, dass Schönheit (tagalog: maganda) nicht nur mit Sexualität und der Verdinglichung von Frauen in Verbindung gebracht wird, sondern weibliche Schönheit auch einen Machtfaktor darstellt. Viele Schönheitsköniginnen sind in die Politik gegangen oder wurden von wichtigen Politikern geheiratet, die sie nun unterstützen.

Wirtschaftlich hat der Mann das Sagen

Männer haben auf den Philippinen besseren Zugang zu politischer Macht, zu Land, zu Geld oder Arbeit. Sie verfügen über mehr Bewegungsfreiheit und sexuelle Freiheit. Landtitel, die dem Gesetz nach das Eigentum von beiden Eheleuten sein sollten, werden in 86 Prozent der Fälle allein auf den Namen des Mannes ausgestellt, der als „Haushaltsvorstand" auch die staatlichen Unterstützungsleistungen erhält.

Der Arbeitsmarkt ist weitgehend in „Männer- und Frauenberufe" aufgeteilt. Frauen finden sich vor allem dort, wo Fürsorge, Dienstleitung, Verlässlichkeit und Detailgenauigkeit gefragt sind – etwa als Verkäuferinnen, Haushaltsangestellte, Lehrerinnen oder einfache Angestellte. Bus- oder Taxifahrerinnen und Bauarbeiterinnen hingegen gibt es so gut wie gar nicht.

Je höher die Position, desto mehr Männer sind dort zu finden. Das durchschnittliche Einkommen in einer Branche ist umso niedriger, je größer der Anteil der dort beschäftigten Frauen ist. Gut bezahlte Jobs in klassischen Frauenberufen hingegen üben meist Männer aus, sei es als Köche in Edelrestaurants, als Raumpfleger in Fünfsternehotels oder als Schuldirektoren mit einem nahezu ausschließlich weiblichen Kollegium.

Frauen werden als Erste entlassen und gelten als "Reservearmee", auf die man(n) zu Stoßzeiten zurückgreifen kann. In Familienunternehmen sind die Chefs meist die Männer; ihre Frauen gelten als "mithelfende Familienangehörige" – auch wenn sie in der Regel meistens genau so viel tun – und dazu gibt es ja noch den Haushalt! Hausarbeit ist Frauenangelegenheit. Nur wenige der Tätigkeiten zu Hause, wie etwa Reparaturen oder Autowaschen, gelten als Männeraufgaben. Meistens sind Männer ohnehin nur bereit, im Haushalt zu helfen, wenn die Frauen zu beschäftigt sind.

Folgen der Modernisierung

Immer mehr Frauen sind auf den Philippinen in den letzten Jahren erwerbstätig geworden. Entweder weil das Einkommen des Mannes nicht (mehr) ausreicht, weil Frauen durch einen verbesserten Bildungszugang mehr Chancen offen stehen, oder weil Frauen den Wunsch, selber Geld zu verdienen und sich zu beruflich zu verwirklichen, auch umsetzen. Oft hat eine Beschäftigung in der Stadt bzw. im Ausland die Frauen zu den Hauptverdienerinnen in ihrer Familie werden lassen.

Seit Ende der 1980er Jahre setzen sich die philippinischen Frauen immer mehr über die traditionellen Geschlechterrollen hinweg und nehmen bedeutende Führungspositionen ein. Mit kreativen Ideen und harter Arbeit machen sie Karriere, sei es als Chefredakteurin, Geschäftsfrau oder sogar als Präsidentin. Dennoch werden arbeitende Frauen nur anerkannt, wenn sie gleichzeitig ihre Pflichten im Haushalt und ihre Mutterrolle erfüllen können.

Auch der Einfluss der Massenmedien und die Bildung von Großstädten führen dazu, dass die Geschlechterrollen nicht mehr so streng getrennt werden. Erwerbstätigkeit und Migration bieten Frauen die Gelegenheit, den traditionellen Geschlechterrollen und dem von Männern bestimmten Familienkonzept teilweise zu entkommen. Denn haben sie einen Job, so sind Frauen nicht mehr auf den Mann angewiesen und brauchen ihm auch nicht mehr zu gehorchen. Die vermehrte Berufstätigkeit von Frauen untergräbt die traditionelle Autorität und Macht des Mannes. Seine Familie nicht mehr versorgen zu können und dem Bild des Brotverdieners nicht mehr gerecht zu werden, bedeutet für die Männer eine gehörige Einbuße an Selbstsicherheit.

Sollten sie arbeitslos werden, so verarbeiten Frauen den Schock des Jobverlusts anders als Männer. Frauen versuchen sehr schnell, irgendeine andere Verdienstmöglichkeit aufzutun und sind bereit, jede sich bietende Einkommensmöglichkeit wahrzunehmen, auch wenn sie mit einem Einkommens- und Ansehensverlust einhergeht. Männer dagegen reagieren oft tief gekränkt auf ihre Entlassung. Ihre Identität, die auf dem Selbstverständnis als „Arbeits-Mensch" beruhte, bricht zusammen. Viele werden depressiv, trinken noch mehr als schon im normalen Arbeitsleben und werden zu Hause gewalttätig. .

Schwule und Lesben: Homosexuelle in einem katholischen Land

Trotz des großen Einflusses der katholischen Kirche ist Homosexualität kein Tabu in der philippinischen Gesellschaft. Heutzutage werden Schwule oft als Mode-Ikonen dargestellt und sie sind die Lieblinge der Unterhaltungs- und Werbeindustrie. Jedoch wird dadurch die alltägliche Diskriminierung von Männern verdeckt, die sich als schwul bekennen. Diese Diskriminierung reicht von Hänseleien in der Schule bis zur Belästigung Schwuler im Militär. Es scheint normal zu sein, sich von einem schwulen Friseur (tagalog: parlorista) die Haare schneiden zu lassen. Aber viele streng katholische Schulen nehmen keine Bewerber auf, die zu weiblich wirken. Die Toleranz gegenüber Homosexuellen ist auf bestimmte Bereiche eingeschränkt.

Für homosexuelle Frauen ist die Situation noch schwerer. Lesben bekennen sich nur sehr selten offen zu ihrer sexuellen Orientierung aus Angst, ganz aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Als Bankier, Juristin oder Lehrerin scheint es angebracht, über die sexuelle Orientierung zu schweigen. Sonst geht man das Risiko ein, gefeuert zu werden.

In einem katholischen Land, in dem selbst Scheidungen nicht erlaubt sind, sind auch gleichgeschlechtliche Ehen nicht gesetzlich erlaubt. In den 1990er Jahren entstanden Dutzende Schwulen- und Lesbenorganisationen, die landesweite Netzwerke bildeten. Sie planen Aktivitäten, stellen gemeinsame Forderungen auf und engagieren sich für mehr Rechte. Die politischen Forderungen wurden gemeinsam mit Gesetzesentwürfen erarbeitet, wie zum Beispiel das Antidiskriminierungsgesetz. Bis heute setzen sich verschiedene politische Parteien, Organisationen und soziale Gruppen dafür ein, dass dieses Gesetz endlich in Kraft tritt.

Literatur

  • Magdalena C. Cabaraban / Beethoven C. Morales: Power Relations in Filipino Households: The Case of Southern Philippines – In: Dies.: Social and Economic Consequences of Family Planing Use in the Southern Philippines, Cagayan de Oro, 1998, S. 79-93
  • Sylvia Estrada¬Claudio: Rape, Love and Sexuality ¬ The Construction of Women in Discourse, Quezon City, 2002
  • Elizabeth Uy Eviota: The Political Economy of Gender ¬ Women and the Sexual Division of Labour in the Philippines, Manila, 1993
  • Belen T.G. Medina: The Filipino Family, 2. überarbeitete Auflage, Quezon City, 2001
  • Isabel Panopio u.a.: Sociology – Focus on the Philippines, Q.C, 2004
  • Filipino Men and Domestic Violence, hrsg. vom Social Development Research Center der De La Salle University, Manila, 2002
  • Hilja Müller: Drei Beispiele für Karrierefrauen in den Philippinen.
  • National Commission on the Role of Women: Rural Women – A Situationer, Manila, 2002
  • Alicia T. Pingol: Remaking Masculinities: Identity, Power, and Gender - Dynamics in Families with Migrant Wives and Househusbands, Q.C., 2001
  • Mina Roces: Women, Power and Kinship Politics, Westport, 1998 - in Auszügen: Frauen, Macht und Verwandtschaftspolitik - Weibliche Macht in den Philippinen der Nachkriegszeit, südostasien, 3/2001, S. 66-71
  • Stopping Domestic Violence at the Source: Gender sensitivity for men in: Tatlong Dekada, Sari-Saring Istorya, hrsg. vom Canada Fund for Local Initiatives in the Philippines, Davao, 2004.
  • Michael L. Tan: Just say no?, PDI, 15.1.2003
  • Velasco, Djorina: „Apropos Bewegung. Die junge Lesben- und Schwulenszene". In Südostasien Nr. 2, 2003.

Autoren: Lilli Breininger und Niklas Reese