Entwicklung
Berufsbildung ausgegrenzter Jugendlicher – Eine schwierige Aufgabe Drucken E-Mail

Jugendlicher bei der Ausbildung zum Schwei0erDass eine berufliche Ausbildung den persönlichen, sozialen und ökonomischen Handlungsspielraum eines Menschen entscheidend vergrößert, ist unbestreitbar. Eine Ausbildung bietet jungen Menschen auch die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten. Über neun Millionen Philippinos tun dies Jahr für Jahr und verdienen ihr Geld im Ausland, da zu Hause die Beschäftigungsbedingungen zu schlecht sind. Die Geldrücküberweisungen an die daheimgebliebene Familie sind insgesamt mit 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Stand 2007) für die Binnenwirtschaft der Philippinen enorm bedeutsam. Millionen von Haushalten hängen von diesen Rücküberweisungen ihrer zeitweilig oder dauerhaft im Ausland arbeitenden Familienangehörigen ab, die in Dubai, London, Bangkok oder sonst wo arbeiten, sei es im erlernten Beruf oder berufsfremd. Mit den Geldüberweisungen aus dem Ausland werden unter anderem die Ausgaben für Bildung und Ausbildung der eigenen, zuhause gebliebenen Geschwister und Kinder finanziert. Deren Bildung wird zudem von Jahr zu Jahr teurer. Es gibt womöglich kaum eine bessere Waffe gegen Armut und Benachteiligung als Bildung und Ausbildung.

„Mario, wovon hast du geträumt, als du noch zur Schule gegangen bist?" „Ich träumte von einem besseren Leben im Ausland." „Warum hat es nicht geklappt?" „Wir hatten nicht das Geld für die Arbeitsvermittlung, für die Papiere und den Flug. Außerdem hatte ich keine Ausbildung vorzuweisen und war daher schwierig zu vermitteln." „Das heißt du hast keinen Berufsabschluss?" „Nein. Das Problem fing schon damit an, dass ich mehrmals meine Grundschule abbrechen musste. Wenn das Geld knapp war, dann wurde zuerst an Dingen wie der Fahrt zur Schule gespart. Irgendwann geht es dann nicht mehr. Mit zwölf Jahren habe ich dann schließlich abgebrochen. Mit meinen insgesamt vier Jahren Schule habe ich keine richtige Berufsbildung anfangen können. Einmal habe ich einen Kurzkurs angefangen, aber auch den musste ich abbrechen, weil meine Mutter krank wurde. Hätte ich eine richtige Ausbildung machen können, dann würde heute mein Leben ganz anders aussehen, davon bin ich fest überzeugt."

 

Im Falle der philippinischen Arbeitsmigranten und –migrantinnen muss festgestellt werden, dass ihre Mehrheit der Mittelschicht entstammt. Die Reichsten haben keinen Anreiz im Ausland zu arbeiten und die Armen können sich weder die Kosten der Auswanderung wie Flug, Vermittlungsgebühr und Dokumente leisten, noch können sie die für die Migration benötigte berufliche Qualifikation – und sei es „nur" eine kurze Schweißerausbildung – nachweisen.

Durch die globalen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise haben sich auf den Philippinen die direkten und indirekten Schul- und Ausbildungskosten, wie insgesamt die Lebenshaltungskosten auch, bedeutend erhöht. Wer für die Bildung und Ausbildung seiner Kinder kein Geld hat, dem ist die wichtigste Investition in die Zukunft seiner Kinder verwehrt. Marios Schicksal (siehe Kasten) ist wahrlich kein Einzelfall. Im Jahr 2008 hat sich die Zahl der Kinder, die keine Schule besuchen, wieder erhöht.

Viele Jugendliche müssen arbeiten statt zur Schule zu gehenUm also zu verstehen, warum es auf den Philippinen weitreichende Ungleichheiten im Zugang zu einer Berufsausbildung für Jugendliche gibt, ist es notwendig, die Benachteiligung in der Schulbildung zu betrachten: Wer die Grundschule abgebrochen hat – nur 73 Prozent der eingeschulten Kinder erreichen auch die letzte Grundschulklasse –eine Million Kinder im Grundschulalter besuchen nie eine Schule – kann nur unzureichend Lesen, Rechnen und Schreiben und ist als Analphabet dauerhaft stark benachteiligt. Selbst wenn der Zugang zu Berufsbildung gewährt wäre und die Ausbildungsinhalte, die vermittelt werden, relevant für eine spätere Beschäftigung wären, dann brächten diese Kinder und Jugendliche nicht die Grundbildungsvoraussetzungen mit, um von einer Berufsausbildung zu profitieren – Abbruch und Frust sind die Folge. Keine Schulbildung und daher auch keine Berufsbildung – was bleibt da noch?

Weitere Faktoren, die die Ausgrenzung in Bildung und Ausbildung beeinflussen und verstärken, sind unter anderem das Einkommen der Eltern, ethnische Herkunft, Wohnort sowie Sprachzugehörigkeit. 171 verschiedene Sprachen (ganz zu schweigen von Dialekten) werden auf den Philippinen gesprochen. Fast zwölfmal mehr Jugendliche im Alter zwischen 17 und 22 Jahren, deren Muttersprache Aklanon ist, sind weniger als 4 Jahre zur Schule gegangen als Jugendliche, deren Muttersprache Tagalog ist (Tagalog gilt als Hauptsprache des Landes).

Über die Hälfte der Ärmsten auf den Philippinen sind 17 bis 22 Jahre alt und haben gleichzeitig die wenigsten Jahre im Bildungssystem verbracht. Also, ein Jugendlicher, der aus einem Aklanon sprechenden Haushalt und aus dem untersten Einkommensfünftel kommt, leidet mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unter extremer Bildungsarmut und dauerhafter Benachteiligung. Selbst wenn durch Wirtschaftswachstum Arbeitsplätze entstehen würden, dann werden diese Jugendlichen aufgrund ihrer Bildungsvoraussetzungen davon nicht profitieren können. Sie sind nicht anschlussfähig. So ist in den letzten Jahren die Call Center Industrie stark gewachsen und hat tatsächlich viele neue Arbeitsplätze geschaffen. Doch nur, wer eine solide Englischausbildung und damit Schulbildung vorweisen kann, hat überhaupt eine Chance auf einen Job in einem Call Center.

Dabei wäre für viele SchulabbrecherInnen die berufliche Ausbildung eine echte Alternative und würde Möglichkeiten eröffnen, dass Jugendliche einen Platz in Wirtschaft und Gesellschaft finden. Es fehlt an zweckmäßigen und erschwinglichen Ausbildungsangeboten, die ausreichend qualifizierte Fachkräfte für die Bedürfnisse des lokalen Beschäftigungsmarkts ausbilden. Die staatlichen Einrichtungen decken den Bedarf in Quantität und Qualität nicht ab. Nicht verwunderlich, dass von den rund 4.500 berufsbildenden Organisationen die Mehrheit in privater Hand sind. Das am stärksten vertretene Ausbildungskonzept scheint kurze Ausbildungskurse zu beinhalten, die oft nur ein Jahr oder weniger dauern. Dieses Angebot schafft nicht wirklich langfristige Arbeits- und Lebensperspektive. Diese Kurse werden aber von armen Jugendlichen bevorzugt nachgefragt, da sie die Chance auf eine Beschäftigung auf jeden Fall erhöhen - wenn vielleicht auch nur kurzfristig - und die Kursdauer für die Familie verkraftbar und damit finanzierbar ist.

Jugendlicher Trotz der zu beklagenden Unzulänglichkeit des staatlichen Berufsbildungssystems sind die Anstrengungen der nationalen Berufsbildungsbehörde, Technical Education and Skill Development Authority (TESDA), anzuerkennen. TESDA versucht, die Berufsbildung auch für die Bedürfnisse der armen Jugendlichen zu fördern. Waren früher doch mehr die zentrumsorientierten und damit teuren Ausbildungskonzepte im Fokus, so unterstützt TESDA heute auch duale Ausbildungskonzepte, wo die praktische Ausbildung in lokalen Betrieben stattfindet und damit bedeutender und beschäftigungswirksamer ist. An der Differenzierung des Angebots haben mitunter innovative Entwicklungshilfeprojekte, die von lokalen Nichtregierungsorganisationen umgesetzt werden, ihren Anteil. Aber trotz der Erfolge ist TESDA mit großen Herausforderungen konfrontiert.

Die Qualität der Jobs ist solch ein großes Problem. Das aktuell rückläufige Wirtschaftswachstum auf den Philippinen wird dieses Problem in Form von Unterbeschäftigung, Lohnkürzung und Beschäftigungsunsicherheit verschlimmern. Heute schon befinden sich circa 15 Millionen Filippin@s in prekärer, also in ausbeuterischer und unsicherer Beschäftigung, was auch im asiatischen Vergleich sehr hoch ist. Warum dann – so könnte sich eine arme Familie fragen – in Berufsbildung investieren, wenn die Beschäftigungschancen allgemein schlecht und für Benachteiligte noch schlechter sind. Die Zahlen der ArbeitsmigrantInnen belegen doch, dass selbst mit einer Ausbildung nur das Ausland bleibt. Einerseits könnte gesagt werden, dass die Beschäftigungssituation auf den Philippinen dem geringen Ausbildungsniveau der breiten Masse geschuldet ist. Andererseits könnte auch festgestellt werden, dass gerade wegen der schlechten Beschäftigungsbedingungen die berufliche Ausbildung an Attraktivität verliert. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die sich seit Jahren für die Umsetzung des ‚Decent Work' Konzeptes auf den Philippinen einsetzt, betont, dass faire Arbeitsbedingungen kein Luxus sind, sondern eine dringende Voraussetzung für gerechtes Wachstum.

Die vier grundlegenden Ziele von "decent work" (menschenwürdige Arbeit), die sich für die ILO aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ergeben, sind:

  • Mehr und bessere Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen.
  • Arbeitnehmerrechte respektieren und gesetzlich absichern.
  • Systeme der sozialen Sicherung auf- und ausbauen.
  • Den sozialen Dialog zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften fördern.

Wer über Berufsbildung spricht und diese als Instrument der Armutsbekämpfung und Jugendförderung unterstützen will, muss letztendlich auch Bereiche angehen, die zumindest beim ersten Blick nicht direkt mit Berufsbildung zu tun haben, wie Lehrpläne, Ausstattung von Ausbildungswerkstätten, AusbilderInnenfortbildung, etc.. Die Schulbildung ist so ein Bereich. Ein ganz anderer aber gleichermaßen relevanter Bereich ist die Praxis und Verantwortung der Privatwirtschaft in der Berufsbildung und Beschäftigung. Unternehmen profitieren von gut ausgebildeten jungen Arbeitskräften, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Sie haben daher auch eine eindeutige Mitverantwortung in der Berufsbildung. Diese Verantwortung wird leider auf den Philippinen wie auch in anderen Entwicklungsländern nicht eingefordert. Auf der anderen Seite widerspricht die Privatwirtschaft durch ihre ‚Hire and Fire'-Beschäftigungspraxis den Investition in Berufsbildung.

„Mario, wovon träumst du heute?" „Ich wünsche mir, dass meine vier Kinder die Schule abschließen und eine Ausbildung anfangen. Das wird sehr schwierig. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Alles wird zudem teurer. Mein jüngster Sohn träumt davon, ein Flugkapitän zu werden. Ich glaube er wäre ein richtig guter Pilot."


Quellen:

  • ILO Global Employment Trends Report 2008, 2009, 2010
  • Education for All Global Monitoring Report 2010
  • Technical Education and Skill Development Authority (TESDA), Philippines

Autor: Steffen Ulrich, MISEREOR, Fachreferent für Berufsbildung, Kleingewerbe und Mikrofinanz