Umwelt
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Vielfalt ist Trumpf

umwelt_Biodiversitaet_1Die Vielfalt des Lebens auf der Erde wird als Biodiversität bezeichnet. Wenn wir von einer Bedrohung der Natur reden, ist die Sorge nicht nur, dass es weniger Pflanzen oder Tiere einer Art gibt oder die Wälder kleiner werden, sondern auch, dass die biologische Vielfalt abnimmt. Und hierbei geht es nicht nur um die Artenvielfalt.

Es zählt auch, wie viele verschiedene Landschaftstypen und Lebensräume vorkommen. Und innerhalb einer Art zählt, welche Varianten von Sorten von Tieren, Pflanzen, Pilzen oder Bakterien es gibt und wie sich die einzelnen Individuen voneinander unterscheiden. Denn nur wenn die Vielfalt groß ist, kann die Natur schnell auf Umweltveränderungen, wie zum Beispiel den Klimawandel reagieren. Je größer also die Biodiversität, desto mehr Möglichkeiten bietet sie auch dem Menschen, sich Veränderungen anzupassen. Dies ist besonders für die Landwirtschaft und den Nahrungsmittelanbau wichtig.

 

In den Philippinen ist die Biodiversität wie in vielen anderen tropischen Ländern, sehr groß. Es gibt Korallenriffe und Seegrasfelder im Meer. An den Küsten bilden Mangroven, die sich an die regelmäßige Überflutung mit Salzwasser angepasst haben, eigene Wälder. Dort, wo Flüsse ins Meer münden, finden sich weiträumige Feuchtgebiete. Weil die Flüsse je nach Jahreszeit mal mehr und mal weniger Wasser und Schlamm-Massen führen, unterliegt diese Landschaft einem stetigen Wandel. Der tropische Regenwald, der einst große Teile des Landes bedeckt hat, ist das artenreichste Ökosystem unserer Erde. Wo beispielsweise ein Vulkan ausgebrochen ist, muss die Natur sich weiträumige Asche- und Lavafelder zurückerobern. Über die Jahrtausende entstanden so immer wieder neue Lebensräume mit zahlreichen spezialisierten Pflanzen- und Tierarten.

umwelt_Biodiversitaet_3Dort wo besondere Lebensbedingungen herrschen und Tiere und Pflanzen nicht einfach aus vergleichbaren Regionen zuwandern können - die Philippinen sind ja Inseln - entstehen wieder schneller neue Arten. Von allen Säugetieren, Vögeln, Reptilien und Amphibien, die in den Philippinen an Land leben, kommt fast jede zweite Art nur dort und nirgends anders in der Welt vor. In den Philippinen gibt es mindestens 13.500 verschiedene Pflanzenarten, viele sind aber von der Wissenschaft noch gar nicht identifiziert. 

Biodiversität – Ein Eigentum?

Wem aber gehört all diese biologische Vielfalt? Erst einmal  klingt diese Frage sehr komisch. Braucht Natur überhaupt einen Besitzer? Kann man mit ihr handeln wie mit irgendeiner Ware?

In der Biodiversität steckt ein ungeheurer kommerzieller Wert. Beispielsweise haben pflanzliche Naturheilmittel weltweit einen Marktwert von 43 Milliarden US- Dollar. Und auch in vielen nicht-pflanzlichen Arzneimitteln stecken aus der Natur gewonnene Inhaltsstoffe.

Patent ohne Beteiligung

1949 hat ein philippinischer Wissenschaftler in der Provinz Iloilo eine Bodenprobe entnommen. Aus dieser wurde dann von der US-amerikanischen Firma “Eli Lilly” ein bekanntes und viel verkauftes Medikament, das Antibiotikum Erythromycin isoliert. Hierauf meldete die Firma ein Patent an. Dies bedeutete, dass der Stoff über viele Jahrzehnte von niemand anderem gewonnen und verkauft werden durfte. Der Handelsname der Arznei, “Ilosone”, erinnert an die Herkunft aus Iloilo. An den großen Gewinnen, die damit erzielt wurden, wurden die Philippinen aber nie beteiligt.


Seit etwa 20 Jahren regelt ein internationales Abkommen der Vereinten Nationen, die ‚Konvention über Biologische Vielfalt’, dass die Biodiversität nicht frei verfügbar ist, sondern den Staaten gehört, in denen sie vorkommt. Fast alle Länder haben sich verpflichtet, gemeinsam die Biodiversität zu schützen. Im Gegenzug für die Unterstützung, die arme Länder wie die Philippinen für den Schutz der biologischen Vielfalt von den Industrieländern erhalten, mussten sie sich jedoch auch verpflichten, einen geregelten Zugang zur Biodiversität zu gewährleisten. Vor einigen Jahren wurden die Philippinen von der deutschen Entwicklungshilfe dabei unterstützt, ihre nationalen Gesetze so zu überarbeiten, dass Firmen aus dem Ausland bessere Möglichkeiten haben, biologisches Material für die kommerzielle Weiterverarbeitung zu sammeln. Geregelt ist dabei aber auch, dass die Philippinen dann an den Vorteilen beteiligt werden müssen. Damit wird Biodiversität zu einer Handelsware wie Turnschuhe oder Obst.

Die Hüter der Biodiversität

Außer dem Staat gibt es aber noch eine andere Art von EigentümerInnen der Biodiversität: Das sind die vielen indigenen Bevölkerungsgruppen in den Philippinen. Indigene sind die Volksgruppen, die seit tausenden von Jahren auf der Insel leben und trotz der Kolonialisierung ihres Landes ihre eigene Art zu Leben beibehalten haben und eigenständig weiterentwickeln. Wenn es um das Finden neuer Medikamente aus Pflanzen geht, sind Forscher auf das Jahrhunderte alte Wissen dieser Völker angewiesen. Ohne dieses Wissen wäre die Suche nach profitablen Substanzen wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen.

Die belebte und unbelebte Natur, die Geister und Götter und die eigenen Traditionen gehören für die Indigenen oft als eine Einheit zusammen. Natur ist für sie keine Handelsware. Die Indigenen bezeichnen sich nicht als Besitzer der Natur, wohl aber als ihre Hüter und Bewahrer. Sie sind es, die heute teilweise noch in und mit den Wäldern wohnen. Und dort ist die Vielfalt am größten.

Im Jahr 1995 hat das philippinische Nationalmuseum ForscherInnen auf das Gebiet der Talaandig auf die Insel Mindanao geschickt, um Pflanzen zu sammeln. Als diese die Pflanzen in Säcken abtransportieren wollten, wurden sie von den Talaandig, die sie nicht um Erlaubnis gebeten hatten, zur Rede gestellt. Die Talaandig bürdeten den ForscherInnen eine traditionelle Strafe auf. Zu zahlen waren: 8 Wasserbüffel, 27 Hühner, 8 Meter Stoff und 150 Peso-Münzen.

Wenn auf dem Gebiet indigener Gruppen etwas gesammelt oder Befragungen durchgeführt  werden sollen, müssen die Indigenen nach der philippinischen Gesetzgebung zunächst vollständig informiert werden und ihr freiwilliges Einverständnis geben. Die praktische Umsetzung ist manchmal sehr problematisch, denn jede indigene Gruppe hat ihre eigenen Rituale und Traditionen. Diese müssen beachtet werden, wenn die Erlaubnis eingeholt wird. Am Ende soll aber wiederum ein Vertrag stehen, der bestimmten formalen Anforderungen gerecht wird, die oft gar nicht zu der Gruppe passen. Vielleicht wird normalerweise ein Ritual begangen, wenn ein Beschluss gefasst wird oder aber der Geistliche, der dafür zuständig ist, kann den Vertrag gar nicht lesen?

Für indigene Gruppen ist es gar nicht vorstellbar, dass eine Substanz oder ein einzelnes Gen aus ihren Pflanzen isoliert genutzt werden soll, und dann durch ein Patent nur noch von einer einzigen Firma genutzt werden darf, der es große Profite einbringt. So ein Vorgehen wird von ihnen als sehr entwürdigend empfunden. Wie soll man zu etwas sein Einverständnis geben, das es in der eigenen Vorstellung gar nicht geben kann?

Durch die Aussicht auf Vorteile, aber auch durch Falschinformationen, Armut, Abhängigkeit, Bestechung und Zwang, kommt es immer wieder vor, dass Führer indigener Gruppen Vorhaben zustimmen, die mit ihrer Tradition nicht im Einklang stehen oder vielleicht sogar bedrohlich sind.
Biodiversität ist auch von Menschen gemacht

Wenn man die Biodiversität aller Länder der Welt betrachtet, stellt man eines fest: Dort wo die meisten unterschiedlichen indigenen Gruppen leben, und hierzu zählen auch die Philippinen, gibt es auch die größte Biodiversität. Die biologische und die kulturelle Vielfalt haben sich eng miteinander verwoben entwickelt. Die menschlichen Kulturen haben sich mit ihrer Art zu leben an die unterschiedlichen natürlichen Lebensräume angepasst.

Die Vielfalt des Lebens ist das einerseits das Ergebnis einer jahrmillionenlangen Evolution. Andererseits haben aber auch die Menschen die Biodiversität geprägt. Wenn Menschen auf unterschiedliche Art und Weise an verschiedenen Orten leben, züchten sie die verschiedensten Tiere und vor allem landwirtschaftlichen Pflanzenarten und -sorten, die genau an die jeweiligen klimatischen Bedingungen, das vorhandene Wasservorkommen und die Bodenbeschaffenheit  angepasst sind. Mal Überschwemmungen, mal Hitze und mal karger Boden: Überall herrschen unterschiedliche Bedingungen.
Auch die Wünsche, welches Produkt zu welcher Jahreszeit in welchen Mengen zur Verfügung stehen soll, sind überall unterschiedlich. Was wird als schön empfunden? Was als lecker? Bestimmte Pflanzen oder Tiere werden, wie zum Beispiel unser Weihnachtsbaum, für bestimmte Rituale benötigt. Mitte des letzten Jahrhunderts wurden in den Philippinen noch 4.000 verschiedene Reissorten angebaut. In den 1960er und 1970er Jahren wurden in den Philippinen durch Einflüsse von Saatgutkonzernen aus den USA und Europa die Vorstellungen vereinheitlicht, wie Reis zu sein hat. Es wurden wenige neue Sorten eingeführt, die hohe Erträge und große Gewinne versprachen. Ihre Vielfalt ist aber nur sehr gering. Nicht nur auf den Feldern, auch auf dem Teller wurde alles einheitlicher: Heute mögen die meisten Menschen nur noch weißen Reis, der bereits geschält ist.

Bedrohung und Schutz der Biodiversität

Doch nicht nur Saatgutkonzerne bedrohen die biologische Vielfalt auf den Philippinen. Ein seit vielen Jahrzehnten großes Problem ist der Holzeinschlag und das Abbrennen von Wäldern für neue Felder, Tagebau-Bergwerke und Bauland. Es gibt kaum noch unberührten Urwald. Der meiste Wald ist bereits nachgepflanzt oder zumindest stark verändert worden. Da der Schutz des Waldes nicht zentral durchgesetzt werden kann, gibt es staatlich geförderte Projekte, in denen die Menschen in den Dörfern direkte Verantwortung für den Wald in ihrer Nachbarschaft übernehmen. Sie pflanzen Bäume und verkaufen Produkte aus dem Wald, ohne dass er ihnen privat gehört.

Zudem gibt es mehrere große Naturschutzgebiete. Für indigene Gruppen ist der Naturschutz eine wichtige Voraussetzung zum Überleben. Andererseits gibt es Konflikte, weil plötzlich die Durchführung alter Traditionen und Rituale gesetzlich verboten sind. Ein Beispiel ist der Wanderfeldbau. Hier wird ein Stück Wald abgebrannt und dann für wenige Jahre mit Reis bepflanzt. Einerseits wird hierfür etwas Wald zerstört, andererseits kann sich gerade durch solche Veränderungen eine reiche Biodiversität entwickeln.

Eine weitere Bedrohung ist der zunehmende Tourismus auf den Philippinen. Einerseits ist er eine wichtige Voraussetzung, um den Naturschutz zu finanzieren. Doch sind es andererseits beispielsweise auch touristische TaucherInnen, die Korallenriffe beschädigen und zerstören. Der philippinische Tarsier, ein kleiner Halbaffe auf der Insel Bohol ist vom Aussterben bedroht. Doch die zahlreich heranströmenden Touristen, die die letzten Exemplare betrachten wollen, zerstören gleichzeitig seinen Lebensraum.

Literatur

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Autorin: Janina Dannenberg