Umwelt
Lebensraum Metro Manila Drucken E-Mail

umwelt_manila_1Der 16jährige Jess sitzt auf der hölzernen Schulbank und lernt Englischvokabeln. Es ist sein erster Schulbesuch seit zwei Jahren und er ist glücklich, wieder im Klassenraum zu sein. Zuvor haben er und sein Bruder gut zwei Jahre auf der anliegenden Mülldeponie gearbeitet. Dort suchte er nach Metallen und anderen „Wertsachen", die er sammelte und verkaufte. Sein einziges Werkzeug war ein rostiger Metallharken, mit dem er den Abfall durchwühlte, hauptsächlich auf der Suche nach Kupferdraht oder Aluminium (Kilopreis: bis zu 100 Peso, umgerechnet 1,70 Euro), Cola-Dosen (Kilopreis: 35 Peso), oder wenigstens etwas Plastik (Kilopreis: 3 Peso) und Papier (Kilopreis: 1 Peso). Ein so genannter „Junk-Shop" (Trödelläden) kaufte ihm die Sachen ab, die wiederum als Rohstoffe weiterverkauft werden. Das Geld, das Jess und sein Bruder hinzu verdienten, wurde dringend benötigt, weil ihr Vater zeitweilig nicht arbeiten konnte.

Heute geht Jess wieder zur Schule und träumt davon, irgendwann den Stadtteil Payatas, ein Stadtteil von Quezon City, der größten Stadt in Metro Manila, verlassen zu können und irgendwo außerhalb zu arbeiten. Vielleicht in einem der vielen Call Center. Doch dafür muss er erstmal sein Englisch verbessern.

Jess' Geschichte ist kein Einzelfall in Payatas. Ein komplettes Stadtviertel ist um die große Mülldeponie entstanden. Viele Kinder müssen von klein auf mithelfen und zum Familieneinkommen beitragen. Für eine schulische Ausbildung der Kinder fehlt den Familien häufig das Geld. Jess ist daher sehr glücklich, zu den etwa drei Schulklassen mit bis zu 30 Schulkindern zu gehören, die eine zweite Chance bekommen haben. Eine Nicht-Regierungsorganisation (NGO) leitet diese Schule, denn für staatliche Schulen sind die Kinder hier nicht mehr zugelassen. Zu viel Lernstoff haben sie verpasst. Dennoch hat die NGO es geschafft, dass die Kinder ihren Abschluss hier in Payatas nachholen können.

In Metro Manila leben viele Menschen auf oder am Rande von Müllhalden. Metro Manila bezeichnet ein städtisches Ballungsgebiet mit 17 Städten und Gemeinden. Nicht unähnlich dem Ruhrgbiet bemerkt man als Außenstehender kaum, wann man die eine Stadt verlassen und die nächste schon betreten hat. Doch während im Ruhrgebiet „nur" 5,20 Millionen Menschen auf 4.435 km² leben, leben in Metro Manila laut der Volkszählung aus dem Jahr 2007 insgesamt 11,5 Millionen Menschen auf nur 638,55 km². Viele ExpertenInnen schätzen, dass viel mehr Menschen hier leben. Die größte Stadt in Metro Manila ist Quezon City, wo alleine 2,7 Millionen Menschen offiziell leben.

Es gibt in den Philippinen viele Mülldeponien, an oder auf denen Menschen leben. Bis in die 1990er Jahre war der sogenannte Smokey Mountains das Sinnbild für städtische Armut im globalen Süden, wo um die 100.000 Bewohner/innen lebten. 1993 wurde die Müllhalde geschlossen. Das Gelände, das einen Wert von 18 Mrd. Pesos haben soll, wurde einem Immobilienmakler zur Sanierung gegeben. 2.500 Familien, die auf den Smokey Mountains lebten, sollten Fertighäuser zur Verfügung gestellt werden, doch das Projekt wurde nie fertig gestellt. Deshalb standen die BewohnerInnen der Smokey Mountains nicht nur ohne Unterkunft, sondern auch ohne Lebensgrundlage da. Denn sie alle arbeiteten dort, indem sie wie Jess nach Verwertbarem suchten.

Für die Familien bedeutete das, dass viele von ihnen auf andere Müllhalden auswichen, unter anderem auch nach Payatas. Doch was vielen von ihnen in Payatas am 10. Juli 2000 geschah, hat sie traumatisiert und ist noch heute sichtbar. Nach tagelangen Regenfällen war ein Teil der Mülldeponie Payatas auf ein Armutsviertel, einen so genannten Slum gerutscht. Für viele der BewohnerInnen reichte die Zeit nicht, um davonzulaufen. Bis zu 1.700 Menschen waren zeitweilig unter der Mülllawine verschüttet. 300 bis 800 von ihnen konnten nur noch tot geborgen werden. Die Zahl variiert, da in Manila niemand weiß, wie viele Menschen in dem Slum gewohnt haben, ob es 80.000 oder 300.000 waren. Die verschüttete Siedlung hieß Lupang Pangako – das ist Tagalog (eine Sprache auf den Philippinen) für „versprochenes Land". Heute gibt es eine Bauverordnung, die den Menschen nur noch erlaubt, bis zum Fuß des Berges zu bauen.

Warum leben die Menschen auf Mülldeponien? Das hat zum einen etwas mit den Arbeitsmöglichkeiten zu tun. Wie am Beispiel von Jess beschrieben, leben viele Menschen auf den Deponien, weil sie dort „arbeiten". Sie suchen nach Wertsachen, die sie zu Geld machen können. Zum anderem hat es auch damit etwas zu tun, dass die Städte in den Philippinen sehr schnell wachsen. Es gibt kaum Flächen in Metro Manila, die nicht bebaut sind. 1975 hatte Metro Manila noch 4,97 Millionen Einwohner, 1985 5,92 Millionen, 1995 9,45 Millionen, 2005 10,35 Millionen, 2007 schon 11,55 Millionen - und für 2015 wird von der UN ein Bevölkerungswachstum auf 12,6 Millionen prognostiziert. In Manila City, die mitten im Ballungsraum liegt, leben 43.079 Einwohner/innen auf einem Quadratkilometer (in manchen Vierteln, Barangays genannt, sogar weit über 100.000). Zum Vergleich, im Ruhrgebiet sind es 1.173, in Berlin 3.861 und New York 10.482 Einwohner/innen pro Quadratkilometer.

Die jährliche Wachstumsrate der philippinischen Städte liegt bei 3,8% (1990 - 2003). Fischer, Saisonarbeiterinnen und ihre Familien, die auf dem Land ihre Lebensgrundlage verloren haben, treibt es in die Städte. Lebten 1970 nur knapp ein Drittel der Filipin@s in Städten, waren es 1995 schon knapp über die Hälfte, und heute sind es bis zu 62%. Die Philippinen haben einen der höchsten Verstädterungsgrade in Asien.

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Aus dem Wachstum der Städte resultiert auch ein erheblicher Mangel an Wohnraum. So verfügen 40% der Haushalte über lediglich einen Raum, weitere 40% über zwei Räume – und das bei einer durchschnittlichen Familiengröße von über fünf Personen. Der Staat betreibt nur eine sehr unzureichende soziale Wohnungsbaupolitik, so dass die Wohnungslosen zur Selbsthilfe greifen. Sie besetzen Land und errichten eigene Häuser aus Wellblechen, Holz und anderen Materialien, die sie finden können. Dieser Wohnraum entsteht auf brachliegendem Land - üblicherweise in Hochrisikogebieten wie an Flussufern, Kanälen, sehr sensiblen Küstenregionen, an Gleisanlagen oder stark befahrenen Straßen oder anderem nur schwer zugänglichem Land. Einige gehen sogar soweit, dass sie ihre Behausungen auf Friedhöfen oder unter Brücken hängend errichten. Die Menschen, die hängende Hütten unter Brücken errichten, nennt man „Fledermausmenschen". Die Ärmsten der Armen haben nicht einmal diese Hütten. Sie schlafen auf Kartons auf dem Bürgersteig.

Schon 1992 sollen 40% der Bewohner/innen Manilas auf Land gelebt haben, ohne einen legitimen Eigentumstitel zu haben (squatting). Oftmals wurde das nicht genutzte Land vormals von Investoren gekauft und brach liegen gelassen. Das Land verkommt zu einem reinen Spekulationsobjekt, das irgendwann, wenn es an Wert gewonnen hat, mit Gewinn verkauft werden soll. Die meisten dieser Squattergegenden sind zugleich Armenviertel (Slums).

umwelt_manila_4Die Slums waren lange Zeit so gut wie gar nicht und mittlerweile immer noch sehr unzureichend mit Elektrizität und Wasser versorgt. Um sich selbst zu helfen, zapfen viele Stromleitungen und Wasserrohre an. Wem das nicht gelingt, der muss teures Wasser in Kanistern bei Wasserhändlern, den so genannten Aquadores kaufen. (Die Kanister sind häufig nicht gereinigt, und so werden Krankheiten über nicht abgekochtes Wasser verbreitet.) Wer Zugang zu gemeinschaftlichen oder gar privaten Anschlüsse hat, zahlt dagegen pro Haushalt nur 300-400 Pesos im Monat.

Neben der Wohnsituation ist auch der Verkehr ein Problem in Metro Manila. Manila City und die umherliegenden Städte sind im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört worden. Mehr als 100.000 Menschen starben dabei, mehr als in Köln, Dresden und Berlin zusammen. Japan kämpfte gegen die USA und die Philippinen. Seit dem Wiederaufbau unmittelbar nach dem Krieg ist raumplanerisch kaum eingegriffen worden. Das heißt, im Gegensatz zu Deutschland, gibt es keine Behörde, die sich um den Wiederaufbau gekümmert hat. Wer es sich leisten konnte und auch heute noch kann, kauft Land und errichtet je nach Marktlage teure Einkaufszentren, Luxushochhäuser oder Geschäfte.

umwelt_manila_3Viele Verkehrswege wurden ebenfalls in der Nachkriegszeit geplant. Für einen Ausbau fehlt heute Platz und Geld. Die Zahl der befahrbaren Straßen nahm während der 1980er und 1990er Jahre sogar ab, die Motorisierung allerdings zu - von 1999 bis 2003 um 21,5%. So führt der gravierende Mangel an öffentlichen Verkehrssystemen wie U- oder S-Bahnen zu einem Verkehrsinfarkt. Noch in den 1980er Jahren lag die Durchschnittsgeschwindigkeit in Manila bei 20 Kilometer pro Stunde, in den späten 1990er Jahren nur noch bei 8 Kilometern pro Stunde. Da jede/r Verkehrsteilnehmer/in versucht, irgendwie durchzukommen, wird aus vollen Straßen ein Verkehrschaos.

Vor allem Busse und Jeepneys - ursprünglich zu Kleinbussen umgebaute, nach dem 2. Weltkrieg ausrangierte Jeeps der US-Armee - quetschen sich durch die Straßen und halten durch das Werben um Passagiere den Verkehr auf. Busse wie Jeepneys, die als typisches philippinisches Verkehrsmittel gelten und häufig sehr auffällig bemalt sind (oft mit religiösen Motiven), stehen wegen ihrer Abgase und ihres schlechten technischen Zustandes in der Kritik. Dennoch bieten Jeepneys vielen Familien eine Einkommensquelle und gerade den ärmeren Menschen ein bezahlbares Transportmittel.

Zu den 700.000 Autos, 32.000 Bussen und den fast 1,7 Millionen „Gebrauchtfahrzeugen" (als die auch die Jeepneys registriert sind) kommen noch 1,5 Millionen Motorräder und Tricycles (Motorräder mit Beiwagen), die ebenfalls als einfache Transportfahrzeuge genutzt werden. Sie alle tragen zur Luftverschmutzung bei. Erkrankungen der Atemwege gehören zu den häufigsten Todesursachen in den Philippinen. Ihr Dieselruß verursacht einen fettig-schwarzen Film an fast allen Gebäuden der Stadt, der mit zum dreckigen Gesamtbild der Stadt beiträgt.

1999 und 2003 wurden zwar zwei neue Hochbahnlinien zusätzlich zur bereits 1986 eröffneten Linie eröffnet, so dass man wieder schnell von einem Punkt zum anderen kommen (und den Rest dann per Tricycle, Taxi oder zu Fuß durch die Nebenstraßen zurücklegen) kann, das gesamte Schienenstrecke beträgt aber nur gerade einmal 45,6 Kilometer (die Londoner Underground hat 415 Kilometer). Die meisten Armen können sich die Preise von umgerechnet rund ca. 25 Cent allerdings kaum leisten, da eine Jeepney-Fahrt nur die Hälfte kostet, weichen sie auf den langsameren Verkehr im Dauerstau auf den Straßen aus.

umwelt_manila_7Die Reichen in den Städten haben andere Sorgen. Sie fürchten, dass sie in den von Armut gezeichneten Städten nicht mehr sicher sind. In allen größeren Städten gibt es geschlossene Wohnviertel (gated communities), in denen die Ober- und obere Mittelschicht hinter hohen Mauern, von Wachleuten beschützt und von Videokameras überwacht, leben.

Die Wohnsiedlung Forbes Park in Metro Manila ist so eine gated community. Jede/r, die/der in dieses Viertel hinein möchte, wird genau untersucht; ohne Einladung ist für Menschen von außerhalb selten ein Einlass möglich. Ähnliches gilt auch für „Condominiums", Anlagen mit Eigentumswohnungen, die einen ähnlichen Schutz gegenüber nicht willkommenen Menschen bieten.

Die meisten Menschen in diesen wohlhabenden Vierteln kommen mit Armut nur selten in Kontakt. Sie leben in den gesicherten Wohnvierteln, sie arbeiten in klimatisierten Büros und sie kaufen ein in den weltgrößten Einkaufszentren (Shopping Malls). Drei der zehn weltweit größten Shopping Malls befinden sich in Manila, zwei von ihnen haben sogar eine Eislauffläche.

Die Reichen bleiben unter sich. Ihre Kinder werden jeden Morgen per Chauffeur quer durch Manila zu den Eliteschulen und Universitäten der Stadt gefahren, wo der Chauffeur den Tag über wartet, um sie am Nachmittag wieder zurück nach Hause zu bringen. Den Armen begegnen sie meist nur in Form ihrer unterbezahlten Haushaltsangestellten oder GärtnerInnen.

Autor: Michael Reckordt