Umwelt
Das Beispiel Reis: Sortenvielfalt und Gentechnik Drucken E-Mail
IMG_2779_ReisReis ist das wichtigste Getreide weltweit, fast die Hälfte der Menschheit ernährt sich hauptsächlich von dem kleinen Korn. Besonders in den meisten Ländern Asiens wird es als Grundnahrungsmittel von fast jedem Menschen täglich gegessen. Archäologische Funde belegen, dass Reis seit rund 9.000 Jahren in China als Kulturpflanze ausgesät wird. Neben etlichen Wildreis-Sorten sind weltweit seitdem über 20.000 Sorten gezüchtet worden. Jedoch nur ein Dutzend Sorten dominieren heute den Anbau.

80 Prozent des Reises weltweit wird im Nass-Anbau erzeugt, oft auf großen Feldern oder an Berghängen auf den so genannten Reisterrassen. Die wichtigsten Gründe für den Nass-Anbau sind der höhere Ertrag sowie das Unterdrücken von Unkrautwuchs und Bodenschädlingen durch die Flutung der Anbauflächen.

 

Obwohl die Bevölkerung der Philippinen rasant wächst und eigentlich große Anbauflächen zur Verfügung stehen könnten, geht die heimische Reisproduktion seit Jahren zurück. Das Inselland wurde zum weltweit größten Importeur des wichtigen Getreides. 2008 kam es weltweit zu einer großen Knappheit bei Reis und enormen Preisanstiegen, was sich als besonders fatal die armen Bevölkerungsschichten erwies, nicht nur in den Philippinen.

Raffy Rey Hipolito ist der philippinische Vertreter der weltweit aktiven Nicht-Regierungsorganisation Food First Informations- und Aktionsnetzwerk (FIAN), das sich für die Durchsetzung des Menschenrechts auf Nahrung einsetzt. Er führt den Rückgang des Reisanbaus auf eine Vernachlässigung der Landwirtschaft zurück: „Viele unserer landwirtschaftlichen Flächen sind für andere Zwecke umgenutzt wurden, beispielsweise für Golfplätze, Wohngebiete und andere kommerzielle Planungen. Es wurden schätzungsweise 800.000 Hektar Reisland umgenutzt. Auch darum kam es zur Reisknappheit in den Philippinen." Er führt aus: „Wir verfügen über 1,5 Millionen Hektar bewässerte Reisanbaufläche. Nach Angaben der Regierung haben wir genug Potential für drei Millionen Hektar. Aber weil das Budget so niedrig ist, wird nur die Hälfte davon bewässert, die andere Hälfte ist vom Regen abhängig. Wenn wir auch diese Flächen bewässern könnten, würden wir unsere Reisproduktion deutlich steigern."

Während die philippinische Regierung die ländliche Entwicklung nur langsam voranbringt, sind die Philippinen auf dem Gebiet der Forschung ganz weit vorne: In Los Baños, etwa 60 Kilometer südlich von Manila, liegt das International Rice Research Institute (IRRI), das weltweit führend in der Erforschung und Züchtung von Reis ist. Es wird von zahlreichen Ländern finanziert, für die Reis als Grundnahrungsmittel bedeutsam ist.

IMG_2853Tausende Sorten lagern in den dortigen Saatgut-Banken. Auf Feldern und in Gewächshäusern werden zahllose Experimente mit neuen Züchtungen und Kreuzungen durchgeführt. Pestizide und Herbizide gegen unterschiedliche Schädlinge und neue chemische Düngeverfahren zur Ertragssteigerung werden dort entwickelt.

Am IRRI und an anderen Forschungs-Instituten weltweit wird auch an genetisch verändertem Reis gearbeitet. Ihm werden dabei Eigenschaften eingefügt, die konventionell gezüchteter Reis nie hatte.

In den Blickpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit ist dabei der sogenannte „Goldene Reis" geraten.

ForscherInnen aus der Schweiz und Deutschland gelang es um das Jahr 2000, in das Reisgenom zunächst Gene der Osterglocke und eines Bakteriums einzubinden, die in der Reispflanze das Provitamin A produzieren. Später wurde vom Gentechnik-Unternehmen Syngenta das Narzissen-Gen durch eines aus der Maispflanze ersetzt, das deutlich größere Mengen des Provitamins erzeugt. Weitere Veränderungen im Genom haben auch die Widerstandsfähigkeit des Goldenen Reis gegen Bakterien und Viren erhöht. Am IRRI arbeiten ForscherInnen gegenwärtig daran, es in verschiedene lokale Sorten einzukreuzen und so weiterzuzüchten.

Keine Reissorte konnte zuvor eigenständig das Provitamin A, auch Betacarotin genannt, herstellen. Es wird im menschlichen Körper in Vitamin A verwandelt und gibt vielen Pflanzen eine gelb-orangene Farbe, etwa der Karotte. Sein Fehlen in der Ernährung verursacht eine Schwächung des Immunsystems von Kindern und kann auch bei Erwachsenen zu Augenerkrankungen bis hin zur Erblindung führen. Mehrere hundert Millionen Menschen weltweit leiden unter Vitamin-A-Mangel, zwei Millionen Menschen sterben jährlich an dessen Folgen.

Viele Forscher versprechen sich von dem neuen genveränderten Reis daher eine qualitativ bessere Ernährung breiter Bevölkerungsschichten und eine deutliche Senkung der Kindersterblichkeit und der Zahl von Augenerkrankungen. Die ZüchterInnen der neuen Pflanzen wollen das Saatgut ab 2011 KleinbäuerInnen in den Philippinen, Vietnam und Indien kostenlos zugänglich machen, sobald es von den jeweiligen staatlichen Behörden zugelassen worden ist.

Doch das Vorhaben hat auch Gegner, die es mit vielen Argumenten ablehnen. Einer davon ist Dr. Chito Medina, der ebenfalls in Los Baños arbeitet, nur wenige Kilometer von IRRI entfernt. Er ist nationaler Koordinator der Organisation MASIPAG, einem landesweiten Partnerschaftsprojekt von Ernährungswissenschaftlern und etwa 35.000 Bauern, die in rund 650 Verbänden organisiert sind. Den Gen-Manipulationen, aber auch anderen High-Tech-Experimenten etwa mit Agrar-Chemikalien steht er kritisch gegenüber.

Medina meint, dass der Goldene Reis hauptsächlich dazu dient, eine weltweite Akzeptanz für die Gentechnologie herzustellen. Nicht der Vitamin-A-Mangel sei das Problem der Entwicklungsländer, sondern die Armut. Denn nur wenn der Körper auch Fett, und zwar am besten tierisches Fett, zu sich nimmt, kann er das Betacarotin zu Vitamin A umwandeln. Und Fleisch bleibt für die Armen unbezahlbar.

Um den Vitaminmangel zu bekämpfen, sollten die Menschen eher lernen, einheimisches Gemüse anzubauen, das ebenfalls das Provitamin enthält. Den Goldenen Reis hält er für einen nicht statthaften Versuch des Nordens, die Probleme des Südens zu lösen: „Sind die Menschen in der Dritten Welt die Versuchskaninchen für die Erste Welt?"

Auch die weltweit aktive Umweltschutzorganisation Greenpeace lehnt den Goldenen Reis ab. Zu groß sei die Gefahr, dass sich genmanipulierte Sorten mit natürlichen Sorten kreuzen würden. Jan van Aken von Greenpeace International: „Vorsorgeprinzip heißt: Ich darf nichts machen, was ich nicht wieder in den Griff kriegen kann. Wenn die Gentechnik einmal auf dem Acker ist, kommt sie nie wieder zurück." Er fragt, wer denn garantiere, dass der gentechnisch veränderte Reis nicht auf großer Fläche versage, etwa bei starker Hitze? Er sieht insgesamt die Gefahr, „dass Reis als Grundnahrungsmittel vom Erdboden gespült wird."

IMG_2774Chito Medina beklagt außerdem den Verlust der biologischen Vielfalt: „Felder, auf denen vorher eine Vielzahl verschiedener Pflanzen angepflanzt wurden, sollen nun mit einheitlichem genmanipuliertem Saatgut besät werden. Dies ist auch schon während der sogenannten „Grünen Revolution" passiert, als der Einsatz von Chemikalien eingeführt wurde. In den Philippinen gab es vorher 4.400 verschiedene Reissorten. Nach der Grünen Revolution waren 80 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche mit nur noch fünf Sorten bepflanzt." Weil die unterschiedlichen Sorten auf Risiken wie Krankheiten, Schädlinge und schlechtes Wetter verschieden reagieren, gefährdet diese Vereinheitlichung die Ernährungssicherheit des Landes insgesamt.

Chito Medina: „Eine größere Reichhaltigkeit an Saatgut ist eine Versicherung gegen unvorhersehbare Umweltveränderungen. Ein buntes Mosaik an unterschiedlichen Früchten und Sorten ist gegen den Klimawandel, gegen Krankheiten und Schädlinge besser angepasst." In den Philippinen macht er die Erfahrung, dass die früher üblichen Regenzeiten sich seit einigen Jahren verschieben, damit verändern sich auch die sonnenreichen Zeiten. Klimatische Abweichungen werden zur Regel, Taifune finden häufiger und wesentlich heftiger statt und bedrohen den Menschen und seine Ernten.

Doch nicht nur die natürlichen Bedingungen haben einen Einfluss auf die Landwirtschaft, auch die sozialen Strukturen und die Eigentumsverhältnisse sind für sie bedeutsam. Auf den Philippinen bearbeiten 65 Prozent der BäuerInnen jeweils weniger als zwei Hektar Land, und viele sind dort sogar nur PächterInnen: „Das kleine Landstück, das sie bearbeiten, gehört ihnen nicht. Wenn man vor diesem Hintergrund ländlicher Armut die Landwirtschaft weiterentwickeln will, kann man nicht viel Kapital verlangen. Man darf keine großen Kosten verursachen und das ist nun mal, logischerweise, ein nachhaltiger, organischer und ökologischer Landbau." Mit genverändertem Mais haben die BäuerInnen schlechte Erfahrungen gemacht: „Für die Aussaat von genmanipuliertem Mais braucht man pro Hektar ein Kapital von 30.000 Pesos. Für anderen Mais benötigen die BäuerInnen 8.000 Pesos. Viele BäuerInnen leihen sich Kapital aus, und zwar bei den Geldverleihern vor Ort, die extrem hohe Zinssätze verlangen, ungefähr sechs Prozent pro Monat. Wenn dann die Aussaat von Schädlingen befallen oder von einem Taifun zerstört wird, dann gehen die FarmerInnen bankrott. Sie hungern, und wenn sie das teure Saatgut verwendet haben, sind sie auch noch hoch verschuldet."

Nach Medinas Ansicht hilft die moderne IRRI-Technologie nur wenigen reichen GroßbäuerInnen, während die KleinbäuerInnen von den Fortschritten nicht profitierten, wie IRRI behaupte. Ganz im Gegenteil diene das Institut eher den Interessen der Agrar-Unternehmen, so eine Presseerklärung zum 50. Gründungs-Jubiläum von IRRI im April 2010. Die Artenvielfalt habe gelitten, traditionelle Sorten seien verloren gegangen und die Agrar-Unternehmen hätten die Kontrolle über die Farmer bekommen. Das Leben der KleinbäuerInnen habe sich in den 50 Jahren nicht verbessert. BäuerInnen, die sich an der von IRRI propagierten „Grünen Revolution" beteiligt hätten, seien durch die hohen Kosten von Saatgut, Dünger und Pestiziden in Schulden und Armut getrieben worden, die auch durch höhere Erträge nicht wettgemacht würden. Eine Vergiftung des Reises, der Böden und des Wassers durch die eingesetzte Chemie sei eine weitere problematische Folge der Politik von IRRI.

MASIPAG, das unter anderem von der deutschen Entwicklungsorganisation Misereor unterstützt wird, setzt auf nachhaltigere Methoden, um den Reisanbau zu verbessern und das Einkommen der KleinbäuerInnen zu erhöhen. Chito Medina berichtet: „Wir haben 1.100 Reissorten zusammengetragen, das ist ein Viertel der ursprünglichen Anzahl in den Philippinen. Und wir haben den BäuerInnen beigebracht, Reis zu züchten. Sie haben aus den traditionellen Reissorten weitere tausend neue Sorten entwickelt, die nun in vielen Gegenden auf den Philippinen erprobt und angebaut werden." Beim Zusammentragen der zahlreichen Sorten haben sie sogar einen Reis gefunden, der gegen Salz unempfindlich ist und auf Feldern in Küstennähe Überschwemmungen mit Meereswasser überstehen kann.

Bei der Zusammenarbeit mit den KleinbäuerInnen stellt MASIPAG die Bedingung, dass sie beim Anbau keinerlei chemische Düngemittel und Pestizide einsetzen. Stattdessen werden sie darin geschult, biologischen Dünger selbst herzustellen: „Dabei benutzen sie organisches Material, das ohnehin vorhanden ist, Viehmist und Gründünger. Aber auch Fruchtwechsel und der Einsatz von vor Ort vorhandenen Mikroorganismen steigern die Ernte. Wir konnten im letzten Jahr nachweisen, dass die ökologisch arbeitenden BäuerInnen von MASIPAG viel bessere Erträge haben. Im Vergleich zu den mit Chemikalien arbeitenden Bauern, die jedes Jahr Geld verlieren, hatten sie positive Netto-Erträge und ein geringeres Risiko."

Medinas Organisation ist nicht nur im Bereich Reis aktiv, sondern ermutigt die BäuerInnen auch, eine vielfältigere Landwirtschaft zu betreiben, um sich gegen Risiken abzusichern: „Wenn KleinbäuerInnen nicht nur Reis, sondern auch andere Früchte anbauen, werden sie nicht so schwer vom Klimawandel betroffen und können die Produktivität ihrer kleinen Flächen verbessern. Wir ermutigen sie beispielsweise, einheimische Hühner zu züchten. Sie sind für die armen KleinbäuerInnen gut geeignet, weil sie sich selbst versorgen. Sie laufen herum und suchen sich ihr eigenes Futter. Kleinvieh-Bestände wie Hühner, Ziegen und Schweine sind die Bank der BäuerInnen. Wenn ein Taifun viel zerstört hat, fangen sie ihre Hühner ein und verkaufen sie. Das ist, als hätten sie Bargeld vorrätig, das sie von einem Konto abheben."

Autor: Martin Block