Entwicklung
Armut in den Philippinen Drucken E-Mail

Wohnen im SlumDie Philippinen gelten als ressourcenreiches Land. Sie sind die älteste Demokratie Asiens. Und doch ist es ein Land, in dem über 60 Prozent der Menschen weniger als zwei US-Dollar am Tag zum Leben haben und zudem gezwungen sind, ein Leben ohne ausreichende soziale Absicherung wie z.B. Kranken- oder Sozialversicherungen zu führen. 86 Prozent der Menschen haben weniger Einkommen zur Verfügung als sie bräuchten, um ein menschenwürdiges Leben zu führen, wie dies von dem Nationalen Statistikamt NCSB definiert wird.

15 von 100 Familien haben nicht einmal genug Mittel, um sich ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen zu können. 3,8 Millionen Familien (und damit etwa 23 Millionen Menschen) sind von Hunger betroffen, vier Prozent der Bevölkerung haben „oft“ oder „immer“ nicht genug zu essen. Die Zahl der Filipin@s, die von Hunger betroffen sind, hat sich in den letzten sechs Jahren vervierfacht, von 5 Prozent in 2003 zu 20 Prozent im Juni 2009. 

Das internationale Kinderhilfswerk UNICEF weist die Philippinen als eines der zehn Länder aus, die die meisten unterernährten Kinder unter fünf Jahren haben. Dazu sind fast 20 Prozent der Familien auf die Arbeit ihrer Kinder angewiesen, um das familiäre Überleben zu sichern.

Für die untersten 30 Prozent gilt: jeder Dritte hat keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser, 47,2 Prozent haben keinen Strom, 31 Prozent keine sanitären Einrichtungen. Nur 56,6 Prozent haben ein festes Dach über dem Kopf.

Armut in den Philippinen hat mehrere Dimensionen: Menschen mangelt es an Chancen und Ressourcen, wie Land, Geld, medizinische Versorgung oder Bildung. Ihnen fehlt eine soziale Absicherung gegen Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter oder sie sind mangelhaften bis fehlenden Wohnraum und Naturkatastrophen ausgesetzt.

Der Anteil der absolut Armen, denen nicht mehr als 1,25 US-Dollar am Tag an Bargeld zur Verfügung steht, liegt seit vielen Jahren um die 40 Prozent. Das heißt: Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt an der Armutsgrenze.

Armut und soziale Ungleichheit sind in den Philippinen mittlerweile weit ausgeprägter als in Nachbarländern wie Thailand, Taiwan oder Malaysia. Dort sind in den vergangenen Jahrzehnten diese beiden Erscheinungen stärker zurückgegangen.

Wie wirkt Armut sich aus?

Gerät eine Familie in die Armut, muss sie ihren Lebensstandard senken. Sie muss auch oft am Essen sparen. Viele in Armut geratene Familien nehmen die Kinder aus der Schule, fliehen vom Land in die Stadt oder suchen sich eine Beschäftigung im Ausland. Sie bitten Verwandte, Freunde, PolitikerInnen, GroßgrundbesitzerInnen, Hilfsorganisationen, und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) verstärkt um Hilfe. Sie versuchen es mit Eigeninitiative und bauen andere Einkommensmöglichkeiten auf. Oder manche Menschen prostituieren sich oder werden kriminell.

Hinter diesen Handlungsstrategien stehen die unmittelbare Verringerung ihrer Armut sowie der Wunsch, die grundlegendsten Bedürfnisse möglichst zeitnah zu befriedigen.

ManilaWie in vielen anderen Ländern der Welt auch, ist soziale Ungleichheit auf den Philippinen im Alltag deutlich sicht- und fühlbar. Viele Menschen auf den Philippinen haben den Glauben daran verloren, dass sich ihre wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte verwirklichen lassen. Meist kommt es nur zu politischer Aktivität, wenn die Mächtigen und Reichen den Bogen überspannen und ihre (ungeschriebenen) Verpflichtungen zu sehr vernachlässigen. Enge Freundschaften und insbesondere die Familie bringen soziale Verpflichtungen mit sich, die man nicht einfach ignorieren kann. Da persönliche Netzwerke eine große Rolle spielen, ist soziale Mobilität auch mit mehr Problemen behaftet als bei uns. Sie vereinzelt – und sie schafft Verpflichtungen gegenüber schlechter gestellten Verwandten und Freunden.

Soziale Mobilität – in eine höhere Klasse aufsteigen

Soziale Mobilität ist in den Philippinen eher selten zu beobachten. Die gesellschaftlichen Positionen werden in der Regel über Generationen hinweg vererbt. Die berühmten Tellerwäscher, die Millionäre werden, gibt es im Land so gut wie gar nicht. Die vielen umtriebigen Kleinunternehmer/innen mit ihren Kantinen (Tagalog: Carenderias) oder Miniläden (Tagalog: Sari-Sari-Stores) und Einzelhandelsgeschäfte schaffen es meist höchstens, einen ausreichenden Lebensunterhalt zu erwirtschaften.

Ärzte und Ärztinnen, RechtsanwältInnen oder ManagerInnen stammen meist aus mittleren oder oberen Schichten – nur sie können sich die hohen Studiengebühren leisten. Außerdem sind bei der Erlangung gesellschaftlicher Positionen oder Arbeitsplätze die persönlichen Beziehungen wichtiger als eine Ausbildung. Bildung, die auch in der philippinischen Gesellschaft über die Verteilung von Lebenschancen entscheidet, ist in den Philippinen zwar hoch angesehen und von sehr vielen angestrebt, wirkt aber kaum als Gleichmacher.

Soziale Ungleichheit

LadenbesitzerinWarum leben in diesem ressourcenreichen Land so viele Menschen an oder unterhalb der Armutsgrenze? Ein ausschlaggebender Grund ist der wirtschaftliche Stillstand. Die philippinische Volkswirtschaft wächst kaum, stattdessen wächst die Bevölkerung, gegenwärtig etwa um eine Million Menschen pro Jahr. Das bedeutet, dass immer mehr Menschen an einem gleichbleibenden Finanzguthaben teilhaben wollen. Hinzu kommen eine geringe Industrialisierung und hohe Arbeitsintensität, eine geringe Wertschöpfung und eine niedrige Sparquote. Statt nachhaltig aus den vorhandenen Ressourcen schöpfen zu können, werden diese (etwa die Arbeitskraft und die natürlichen Rohstoffe) billig exportiert. Dies passiert jedoch in den seltensten Fällen freiwillig, sondern auf Druck der einflussreichen Konzerne der so genannten Industrieländer.

Ein weiterer Faktor ist die hohe soziale Ungleichheit im Land. 2006 haben die oberen 20 Prozent der philippinischen Bevölkerung 11x mehr verdient als die unteren 20 Prozent. Die 40 reichsten Menschen auf den Philippinen verfügen über ein Vermögen von 17 Mrd. US-Dollar. Das entspricht 60 Prozent des Gesamteinkommens der philippinischen Bevölkerung. Die Einkommensschere geht weiter auseinander.

Eng mit der Armut zusammen hängt die Lebenserwartung eines Menschen. So ist die Kindersterblichkeit der ärmsten 60 Prozent des Landes dreimal so hoch wie die der oberen 40 Prozent: 66 Kinder von 1000 der Ärmeren sterben vor ihrem fünften Geburtstag, bei den etwas besser gestellten sind es 21 Prozent.

Emmanuel M. Hizon, "Freedom from Debt Coalition" (FDC):
"Mit den Darlehen, die uns die reichen Länder aufdrängten und die die korrupten früheren Regierungen gern annahmen, versprachen sie uns wirtschaftliche Entwicklung, aber wir bekommen keine Chance zur Entwicklung. Seit Ewigkeiten schon sind wir in einer tödlichen Schuldenspirale gefangen. Die Philippinen haben mehr als 90 Millionen Einwohner. Jeder Einzelne, jeder Filipino, egal wie alt, egal welcher Religion er angehört, hat eine Schuldenlast von 44.000 Pesos (= 750 Euro). Jedes Jahr zahlt jeder Filipino 7.000 Pesos Schulden ab (= 120 Euro. Viele Menschen müssen von weniger als 100 Pesos täglich leben, also 1,70 Euro). Jedes Jahr. Diese Zahlen sprechen für sich. Es ist kein Wunder, das eine Menge armer Familien nicht genug zum Überleben haben, sie können sich ja nicht einmal drei Mahlzeiten am Tag leisten. Kein Wunder, dass viele unserer Jugendlichen nicht zur Schule gehen können." http://fdc.ph

 

Regionale Unterschiede

Armut ist insbesondere in ländlichen Regionen der Philippinen weit verbreitet. Dort haben sieben von zehn Menschen weniger als 1,25 US-Dollar am Tag zum Leben. Das ist eine Folge von Jahrzehnten regional ungleicher Entwicklung. In den Großstädten, besonders in der Hauptstadt Manila, werden Entwicklungen und Fortschritte immer zuerst angetrieben und umgesetzt. In Metro Manila ist jedoch nach der asiatischen Wirtschaftskrise der letzten Jahre, unter anderem aufgrund massiver Entlassungen, die Armut überdurchschnittlich gewachsen.

Gerade an Orten, wo teilweise seit Jahrzehnten bewaffnete Konflikte ausgetragen werden, ist die Armutsrate besonders hoch. So gibt es Konflikte auf der philippinischen Inselgruppe Mindanao zwischen philippinischem Staat und der muslimischen Autonomiebewegung, und es gibt landesweit Auseinandersetzungen mit den kommunistischen Rebellen „New People’s Army (NPA).

Der Staat als Armutsbekämpfer?

Sind soziale Sicherungssysteme wie in den Philippinen unzureichend ausgeprägt, gewinnen öffentliche Dienstleistungen im Bereich der Gesundheitsfürsorge, der Schulbildung, aber auch eine armenorientierte Wirtschafts- und Sozialpolitik an Bedeutung. Solch eine Förderung zugunsten der Armen kann etwa in Gestalt von auf Grundbedürfnisse ausgerichteten Infrastrukturmaßnahmen, Beschäftigungs- und Wirtschaftsförderungsprogrammen, Einkommen schaffenden Projekten, öffentlichen Krediten, aber auch der finanzielle Unterstützung von Lebensmittelprodukten auftreten. Diese Verpflichtungen sind zwar in der Verfassung niedergeschrieben, aber der philippinische Staat kommt ihnen kaum nach. Ein mit der Sozialhilfe in Deutschland vergleichbares Instrument der Sozialpolitik gibt es in den Philippinen nicht. Das Sozialministerium muss sich auf Nothilfeeinsätze beschränken. Die öffentlichen Sozialausgaben betrugen zwischen 1995 und 1999 nur fünf Prozent des Bruttosozialprodukts (BSP). Insgesamt macht der Staatshaushalt bloß etwas mehr als 17 Prozent des BSP.

Seit Jahren wird immer weniger für Bildung, Gesundheit oder auch öffentliche Infrastruktur ausgegeben; mehr Geld denn je fließt in die Rückzahlung von Staatsschulden (über 50 Prozent des Staatshaushalts).

2010 waren die Arbeitslosigkeits- und Armutsraten auf den Philippinen so hoch wie lange nicht mehr, die soziale Ungleichheit hat zugenommen, das Land ist höher verschuldet als zuvor und Migration ist für sehr viele zum einzigen Ausweg geworden.

Autoren: Niklas Reese und Lilli Breininger

 

Einige Daten

Bevölkerung: 92 Millionen (2009) (Deutschland: 81,8 Mio.)

Bevölkerungswachstum: 1,8 Prozent (2005-2009) (Deutschland: -0,05)

Lebenserwartung: 71,4 Jahre (68,5 Männer/ 74,5 Frauen) (Deutschland: 76,9 Männer / 81,8 Frauen)

Kindersterblichkeit: 33 pro 1000 (Deutschland: 5/1000)

Durchschnittsalter: 22,5 Jahre (Deutschland: 42,6 Jahre)

städtische Bevölkerung: 61 Prozent (Deutschland: 88,9 Prozent), 38,4 Prozent der Bevölkerung leben in der erweiterten Hauptstadtregion Mega Manila.

BIP: 98,2 Mrd. US$ (2009) (davon 14,5 Prozent Landwirtschaft/ 32,3 Prozent Industrie/ 53,2 Prozent Dienstleistungssektor) – BSP:116,4 Mrd. US$

Wirtschaftswachstum: 5,9 Prozent (2009) (Deutschland: - 5,4)

Inflationsrate: 8,4 Prozent (Deutschland: 0,4)

Pro-Kopf-Einkommen (BIP): 1.067 US-Dollar, nach Kaufkraftparität (PPP): ca. 3.900 US-Dollar (Deutschland: PPP 31.823 US-Dollar)

Arbeitslosigkeit: 3,5 Mio. Unterbeschäftigtenrate: 26,1 Prozent (Deutschland: 3,5 Mio.)

Währung: Philippinischer Peso 45 Pesos – 1 US-Dollar / 1 € - 57 Pesos (Juli 2010)

Auslandsverschuldung: 69,1 Mrd. US-Dollar (2009), 59,4 (2005)

Einnahmen und Ausgaben des Staatshaushalts:
14,7 Mrd. US-Dollar – 17,2 Mrd. US-Dollar
(Deutschland: 1,300 Mrd. US-Dollar - 1,450 Mrd. US-Dollar)

Verhältnis Staatshaushalt / BSP: 17,4 Prozent (Deutschland 48,1 Prozent)

HDI-Index: 0,75 (2009) (Deutschland: 0,94)

Mobiltelefone je 1000 Einwohner: 740 (2008) ( 2005: 380) (Deutschland: 1030)