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shutterstock_84796315Unsere Böden – unser Leben

Unsere Landoberfläche ist einer der wichtigsten Schätze des Planeten, und er wird von der Menschheit vielfach genutzt. Er bietet unsere biologische Lebensgrundlage – ohne Boden keine Menschen. Der Boden ist nicht vom Menschen erzeugt, er ist endlich und er ist gefährdet. Seine Nutzungsmöglichkeiten und seine Begrenztheit machen ihn wertvoll, und: Er kann bei sorglosem Umgang verloren gehen.

Nur wenigen Menschen, die in der Stadt leben – wie es 88 Prozent der Deutschen tun – ist allerdings die enorme Bedeutung bewusst, die unser Boden für uns hat.

Die wichtigste Funktion des Bodens ist seine Nutzung als Ackerland und Weide. Menschen überall auf der Welt nutzen Böden, um Nahrung anzubauen. Dies können Feldfrüchte für den direkten menschlichen Verzehr sein, wie Kartoffeln, Getreide, Reis, Obst oder Gemüse. Oder der Boden wird für Futter genutzt, das zunächst Nutztiere wie Rinder, Schweine, Schafe oder Geflügel ernährt, die dann ebenfalls als menschliche Nahrung dienen. Andere landwirtschaftliche Produkte sind für die Bekleidung gedacht, wie beispielsweise Baumwolle oder – eine neue Nutzung – zur Energieerzeugung, wie die Ölpflanzen Raps oder Jatropha. Palmöl dient zahlreichen chemischen Produkten des alltäglichen Bedarfs als Grundlage.

Eine weitere Verwendung von Boden ist seine forstwirtschaftliche Nutzung. Bäume werden gezielt langfristig angepflanzt, um später einmal das Holz oder den Zellstoff verwenden zu können. Urwälder sind ohne menschlichen Einfluss entstanden, aber auch sie werden für den Holzeinschlag genutzt und sind oft gefährdet. Häufig werden Urwälder auch gerodet, um die Fläche für die Landwirtschaft zu verwenden.

Viel Bodenfläche wird auch für Häuser, Städte, Straßen und Infrastruktur gebraucht – wie sollten wir ohne auskommen?

Doch nicht nur die Landoberfläche ist eine unserer wichtigsten Ressourcen. Auch vieles, was man unter der Erde findet, ist wertvoll – ja manchmal überlebenswichtig. Beispielsweise das Wasser, das aus Quellen natürlich aus dem Boden sprudelt, oder künstlich aus Brunnen gefördert wird. Wie existenziell wichtig Wasser für Pflanzen, Tiere und Menschen ist, sieht man an den Wüsten, wo dieses wertvolle Gut fehlt. Hier hat selbst die größte Fläche nur einen geringen Nutzwert.

Zahlreiche „Boden“-Schätze findet man in manchmal kilometerweiter Tiefe: Rohöl, Gas und Kohle als Energieträger, Metalle, Mineralien und vieles andere, was man zur Herstellung zahlloser industrieller Produkte benötigt.

Es wird klar: Der Ursprung der meisten Rohstoffe und damit des Wohlstands stammt aus dem Grund und dem Boden. Und umgekehrt gilt: Haben große Teile einer Gesellschaft keinen Zugang zu gutem Land, seinen Produkten und Ressourcen, droht ihr Verarmung und im schlimmsten Fall sogar Hunger.

shutterstock_53970256Die Menschheit wächst, der Boden schwindet

Die Menschheit wächst, von gegenwärtig sieben Milliarden Erdenbürgern auf neun bis zehn Milliarden im Jahr 2050. Gleichzeitig geht immer mehr nutzbarer Boden verloren. Die Lebens-Chancen vieler Menschen sinken durch diese gegenläufigen Entwicklungen dramatisch.

Die durch menschliche Einflüsse schon geschädigte Fläche betrug 1997 etwa 15 Prozent der gesamten Landoberfläche der Erde, 2008 waren es bereits 24 Prozent. Jedes Jahr verlieren wir dauerhaft Böden in der Größenordnung der Fläche der Schweiz.

Die Gründe für die Schädigung des Bodens und seiner Fruchtbarkeit sind vielfältig, teils natürlich und teils menschengemacht: Erosion durch Wind und Wetter spült fruchtbare Erde fort, ihre Ursachen sind oft in der Zerstörung einer schützenden Vegetation zu finden, etwa durch Abholzung von Wäldern, Brandrodung und Überweidung von Wiesen. Häufiger vorkommende Starkregen und Überschwemmungen tragen als Folge des Klimawandels mit zu Erosionen bei.

Auch eine landwirtschaftliche Übernutzung mit Monokulturen, Überdüngung und die Verseuchung mit Pflanzenschutzmitteln verschlechtern die Bodenqualität. Hinzu kommen Vergiftungen mit Industrie- und Stadtabfällen, und die Verdichtung von Böden durch zu schwere landwirtschaftliche Maschinen und zu große Tierherden. Manche Industrieländer haben schon bis zu 20 Prozent ihrer Böden mit Straßen, Industrieanlagen und Siedlungen versiegelt.

Fatale Auswirkungen hat die übermäßige Entnahme von Wasser, das dann den Pflanzen nicht mehr zur Verfügung steht. Eine falsche Bewässerung in heißen Regionen kann zur Versalzung von Böden führen. In etlichen arabischen Ländern sind dadurch bereits zwischen 30 und 50 Prozent der wenigen fruchtbaren Böden versalzen – Tendenz steigend.

Auch die weltweite Wüstenbildung, verstärkt durch den Klimawandel, trägt zum Verlust nutzbaren Bodens bei. Das große Problem: Einmal zerstörter, ehemals fruchtbarer Boden regeneriert sich nur in Zeitspannen von Jahrhunderten oder Jahrtausenden.

Verteilungskonflikte und „Land Grabbing“

Zahlreiche Regierungen und Unternehmen haben diese fatalen Entwicklungen erkannt. Um landwirtschaftlich nutzbare Flächen entsteht ein weltweiter Wettlauf. Großinvestoren sichern sich gegenwärtig günstig große Ländereien als Anlageobjekte, entweder um sie landwirtschaftlich selbst zu nutzen oder später einmal gewinnbringend zu verkaufen. Einige Regierungen kaufen oder pachten in anderen Ländern riesige Grundstücke, um sich Land-Reserven für die Ernährung ihrer eigenen Bevölkerung zu sichern oder Agro-Treibstoff anzubauen. Auch Süßwasser- und Rohstoff-Sicherung sind Motive für diese Investments. Die Weltbank berichtet, dass 2010 eine Fläche betroffen war, die 650.000 Quadratkilometer betrug, so groß wie die gesamte Getreideanbaufläche der USA. Andere Institute nennen höhere Zahlen.

Es sind vor allem China, Südkorea, Japan, Indien und die reichen arabischen Öl-Staaten, deren Regierungen aktiv sind. Aus den USA und Europa, auch aus Deutschland, kommen überwiegend Privatunternehmen und -Investoren.

Dieses so genannte „Land Grabbing“ findet in den ärmeren Ländern in Afrika, Lateinamerika, Osteuropa und Südostasien statt. Das „Land-Raffen“ wird zumeist auf Kosten der armen Bevölkerung betrieben. Nur in seltenen Fällen wird unbewohntes oder unbewirtschaftetes Land genutzt, stattdessen sind die fruchtbareren Regionen viel attraktiver. Leidtragende sind insbesondere Kleinbauern und -bäuerinnen, Hirten, Fischer, Landarbeiter und Nomaden. Die Menschen verlieren durch die Land-Verkäufe den für ihre Ernährungsgrundlage existenziell wichtigen Zugang zu Land und Wasser und stürzen in die Armut. Berichte über gewaltsame Vertreibungen von Kleinbauern häufen sich.

CMYK_2_-_2_starke_FrauenLand Grabbing wird oft formal korrekt durchgeführt, und dennoch werden dabei die Rechte vieler Menschen missachtet. In Afrika gibt es beispielsweise oft den althergebrachten Gemeinschaftsbesitz von Land. Die Bewohner eines Dorfes bearbeiten den umliegenden Boden oder lassen ihr Vieh dort weiden. Dies haben sie seit zahllosen Generationen getan, er bildet ihre traditionelle Lebensgrundlage. Ein schriftliches Bodenkataster, in dem Besitzrechte dokumentiert sind, gibt es oft nicht. Und so kann die Regierung dieses Land als Staatseigentum weiterkaufen, ohne gegen Gesetze zu verstoßen – und dennoch die uralten Rechte der Menschen massiv verletzen. Sie werden dann von dem Land ihrer Vorfahren vertrieben, verlieren ihren Lebensunterhalt und fallen in die Armut.

In anderen Fällen werden ungebildeten Kleinbauern Versprechungen auf Arbeitsplätze und soziale Einrichtungen für ihre Dörfer gemacht, um an ihr Land zu kommen. Das Land wird genommen, die Versprechen häufig nicht eingehalten.

In Madagaskar stürzte 2009 der Präsident, weil er ein geheimes Land-Grabbing-Abkommen mit dem südkoreanischen Daewoo-Konzern abschließen wollte. Es ging um eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein, etwa die Hälfte des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens der Insel. Sein Plan kam an die Öffentlichkeit, gewaltsame Unruhen in der besorgten Bevölkerung zwangen ihn zum Rücktritt, und das Abkommen trat nicht in Kraft.

Nicht alle Experten kritisieren allerdings jede ausländische Großinvestitionen in die Landwirtschaft. Sie können auch unter Entwicklungsaspekten Vorteile haben, etwa durch die Modernisierung der Landwirtschaft, die Steigerung der Erträge, den Bau von dringend benötigen Straßen und Häfen und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Land und Leute schützen!

Daher fordern viele Organisationen verbindliche Standards, die bei Landkäufen eingehalten werden müssen. Joachim von Braun, Entwicklungs- und Landwirtschaftsexperte an der Uni Bonn meint: „Wir brauchen zum einen Transparenz über die Verhandlungen. Der Anbau sollte nachhaltig sein und auch der lokalen Bevölkerung Gewinn bringen. Wir brauchen (…) internationale Verhaltensregeln.
Es geht nicht nur um das Land, sondern auch um das dazugehörende Wasser. Zum anderen unterminiert es die politische Stabilität in Ländern, wenn Regierungen über die Köpfe der Kleinbauern hinweg fruchtbares Anbauland an ausländische Investoren vergeben. Und es gibt einen humanitären Aspekt: Es ist ein unhaltbarer Zustand, wenn nun etwa in Entwicklungsländern Getreidelaster für den Export an hungernden Menschen vorbeirollen.“

Auch das deutsche Entwicklungsministerium sieht das Land Grabbing kritisch. So erklärte Staatssekretär Hans-Jürgen Beerfeltz Anfang 2012: „Wenn jetzt Ländereien in Entwicklungsländern in großem Stil gekauft oder langfristig gepachtet werden und dies in einer Form geschieht, dass Menschen ihrer Rechte beraubt werden, statt sie in fairer Weise am Nutzen der Investitionen teilhaben zu lassen, wenn hierbei natürliche Ressourcen ausgebeutet statt nachhaltig genutzt werden – dann muss uns das alle alarmieren. Hier muss entschieden gegengesteuert werden. Landinvestoren, egal woher sie kommen, tragen gesellschaftliche Verantwortung.“

Er fordert sechs Prinzipien, die landwirtschaftliche Investitionen erfüllen müssen:

1. Beteiligung, Transparenz und Rechenschaftslegung

2. Anerkennung bestehender Land- und Wasserrechte

3. Menschenrechtskonformer Umgang mit Umsiedlungen und Entschädigungen

4. Uneingeschränkte Achtung der Menschrechte auf Nahrung und Wasser

5. Schutz und nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen

6. Gerechte Teilhabe am Nutzen der Investitionen

Über die Situation in fast allen Ländern der Welt informiert eine interaktive Weltkarte unter www.inkota.de .

 

Überall auf der Welt fordern sogenannte „Landlose“ den Zugang zu Ackerland. Es sind Unterprivilegierte, Tagelöhner, Landarbeiter, Kleinstbauern und Nomaden.
In Indien ist ihre Situation durch Verschuldung und das Kastensystem so dramatisch, dass über hunderttausend verzweifelte Landlose und Kleinstbauern in den vergangenen zehn Jahren Selbstmord begangen haben. Dort gibt es eine große gewaltfreie Bewegung, in der Millionen Menschen gegen ihre Situation protestieren und von der Regierung Landzuteilungen fordern.
Im Mai 2012 begruben sich in Kolumbien aus Protest gegen eine drohende Zwangsräumung durch einen Großgrundbesitzer mehr als ein Dutzend Menschen in der Erde selbst.
Eine seit Jahren verschleppte Landreform prägt die Situation auf den Philippinen. Großgrundbesitzer, unter ihnen auch die Familie des Präsidenten, verzögern über viele Jahre die Umverteilung des Bodens. Dabei möchten die Bauern nur ihr Recht auf ein kleines Feld von zwei Hektar Größe einlösen: 100 mal 200 Meter.