Lebensmittelspekulation - Zocken mit dem Menschenrecht auf Nahrung Drucken E-Mail

shutterstock_793716972008 und nochmal 2010/11 gab es Preisexplosionen bei vielen Grundnahrungsmitteln. Der Reis in Asien wurde bis zu dreimal teurer, Mais verteuerte sich in Mittelamerika und Afrika zwischen 53 und 100 Prozent, Weizen zwischen 90 und 300 Prozent. Finanz-Spekulation war offenbar die Hauptursache, meinte die Weltbank: „Wir nehmen an, dass Indexfondsaktivität … eine Schlüsselrolle bei der Preisspitze von 2008 gespielt hat. Biosprit spielte auch eine gewisse Rolle, aber viel weniger, als ursprünglich gedacht. Und wir finden keinen Beleg, dass die angeblich gestiegene Nachfrage aus Schwellenländern irgendeinen Effekt auf die Weltmarktpreise hatte.“

Wie meine Lebensversicherung Familie Vincente bedrängt

Familie Vincente* lebt in der philippinischen Stadt Cebu mit sieben Personen in einer Wohnung von 36 Quadratmetern. Großmutter ’Lola‘ Joy, 61, kümmert sich um die beiden jüngeren der vier Kinder, während die Älteren die Grundschule besuchen. Vater Hermano, 31, arbeitet als Mechaniker in einer kleinen Autowerkstatt, während Mutter Jane, 28, tagsüber in einem Restaurant aushilft. Familie Vincente kommt einigermaßen über die Runden, denn beide Eltern haben einen regelmäßigen Job und verdienen zusammen umgerechnet rund 380 Euro. Hinzu kommen weitere 50 Euro, die Hermanos Bruder Mike, ein Seemann, für Oma Joy schickt.
Das ist ausreichend viel Geld in einem Land, in dem ein Drittel der Menschen weniger als einen Euro täglich zum Leben haben. Jane führt die Haushaltskasse: knapp 100 Euro kostet die Miete der kleinen Wohnung, etwa 250 Euro geben die Vincentes für ihr Essen aus. Der Rest reicht gerade für Schulgeld, Kleidung, Strom, Joys Blutdruck-Medikamente und den Jeepney-Bus zur Arbeit und in die Schule. Sparen kann sie fast nichts.
Mit Sorge erinnert sich Jane an das Jahr 2008. Die Kinder waren noch klein und sie hatte keine Arbeit. Plötzlich stieg der Preis für den Reis. Sie musste auf einmal nicht nur 40, sondern fast 70 Prozent ihres bescheidenen Budgets für das Essen ausgeben. Sie sparte an allen Enden: Hermano ging den weiten Weg zur Arbeit zu Fuß, es gab fast ein Jahr lang keine neue Kleidung, nur sonntags servierte sie etwas Gemüse, und nie Fleisch. Sie kaufte den schlechten, billigen Reis von der staatlichen Fürsorge, und manchmal aß sie sich selbst nicht satt, damit nicht die Kinder hungrig ins Bett mussten.
Inzwischen wurde das Essen wieder etwas günstiger, blieb aber deutlich teurer als vor der Krise. Jane hat keine Ahnung, warum damals der Preis auf einmal so anstieg. Aber sie hat große Angst, dass nochmal eine Preisexplosion kommt. Und sie hat Mitleid mit den richtig Armen in der Nachbarschaft, denn sie weiß, dass es ihr noch einigermaßen gut geht.

shutterstock_79331257Was Jane nicht ahnt…

„Mit Lebensmitteln kann man richtig gute Geschäfte machen, denn gegessen wird immer“, ist die Überlegung von Lebensmittel-Spekulanten. Und steigende Preise versprechen steigende Gewinne.

Nach der Wirtschaftskrise suchten viele Reiche nach neuen Möglichkeiten, ihr Geld möglichst sicher und dabei gewinnbringend anzulegen. Findige Banken, Versicherungen und Anlage-Fonds entdeckten einen Bereich, in dem zuvor kaum spekuliert wurde, die Agrar-Rohstoffe. Nach Angaben der internationalen Organisation Oxfam stiegen zwischen 2003 und 2011 die Investitionen in diesem Markt von 6,3 auf 68,8 Milliarden Euro. Nicht mehr nur die normalen Schwankungen von Angebot und Nachfrage bestimmen seitdem den Preis. Sondern Finanz-Wetten auf die Entwicklung der Preise, besonders auf ihr Steigen prägen den Markt. Die Wetten bilden nicht die tatsächliche Markt-Situation ab, sondern nur die Erwartungen daran. Damit Profit-Erwartungen sich erfüllen, werden Lebensmittel in Lagern zurückgehalten, um ihren Wert künstlich zu steigern. Einige Länder verhängten Export-Verbote, um die eigene Ernährung abzusichern und verschärften die Knappheit.

Der UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter stellt fest: „Ein wesentlicher Anteil des Anstiegs der Preise und der Volatilität (Schwankungen) bei wichtigen Grundnahrungsmitteln in der Nahrungsmittelkrise 2007/2008 kann nur mit der Entstehung von Spekulationsblasen erklärt werden.“ Die Folge: Die Zahl der Hungernden stieg 2008 weltweit um rund 100 Millionen Menschen, 2011 erneut um 44 Millionen.

Deutschland macht munter mit

Anleger investieren ihr Geld, um Zinsen und Gewinne zu bekommen. Manche wollen erheblich mehr zurück, als sie verliehen haben. Woher kommt im Falle der Lebensmittel-Rohstoffe dieses Mehr an Geld?
Die Antwort ist ganz schlicht: Die Verbraucher zahlen es beim Einkauf. In Deutschland merken wir kaum, ob Weizen teurer wird oder nicht. Kosten Spaghetti 60 oder 90 Cent? Immerhin zwar 50 Prozent mehr –aber egal!
Denn wir geben durchschnittlich nur 13 Prozent unseres Einkommens für das Essen aus. Kaum jemand merkt, wenn es mal 15 Prozent werden. Doch Familie Vincente in Cebu muss über die Hälfte ihres Geldes für Lebensmittel ausgeben, und ärmere Menschen sogar bis zu 80 Prozent. Jede Verteuerung ist spürbar.

Deutsche Finanzanleger und –institute sind maßgeblich am Geschäft mit dem Hunger beteiligt. Oxfam und andere klagen beispielsweise die Deutsche Bank und die Allianz-Versicherung an. Fast jeder vierte Deutsche hat mit der Allianz einen Vertrag. Dieses Geld wird teilweise in Spekulations-Geschäfte mit Grundnahrungsmitteln investiert. Die Allianz und ihre Tochter PIMCO haben von 2008 bis 2010 ihre Agrar-Rohstoffinvestition von 1,4 auf 7,5 Milliarden Euro mehr als verfünffacht. Die Deutsche Bank und ihre Töchter steigerten ihre Spekulationen um das Vierfache auf 4,5 Milliarden. Sie haben 27 Fonds aufgelegt, die auch Grundnahrungsmittel beinhalten.

Auch viele andere deutsche Finanzinstitute zocken auf Kosten von Hungernden, insgesamt kommen 16 Prozent der weltweiten Spekulationsgelder allein aus Deutschland, 2011 rund zwölf von 68,8 Milliarden Euro.

shutterstock_56183440Mit Essen spielt man nicht!

Die breit angelegte Kampagne „Mit Essen spielt man nicht!“ fordert die Finanzbranche auf, die Nahrungsmittelspekulation zu stoppen. Millionen Kunden werden aufgefordert, bei den Unternehmen zu protestieren. Die Bundesregierung wird aufgefordert, strenge Regeln und Verbote für Nahrungsmittel-Investitionen einzuführen. Das Ziel der Kampagne für das Grundrecht auf Nahrung: „Mahlzeit! – Ein Planet. Neun Milliarden. Alle satt.“

Erste Kreditinstitute reagieren bereits auf den öffentlichen Druck, den Oxfam, die Welthungerhilfe, Misereor und andere Partner machen. Die Deka-Bank will bis Ende 2012 aus dem Geschäft aussteigen und auch die staatliche Landesbank Baden-Württemberg zieht sich zurück. Ein Sprecher erklärt: „Damit reagieren wir auf die öffentliche Diskussion, inwieweit Investments in Nahrungsmittel ethisch vertretbar sind.“

Familie Vincente erfährt vielleicht nie, wer ihre Ernährung bedroht. Genauso wissen viele Kunden von Banken und Versicherungen nicht, was mit ihrem Geld in der Welt anrichtet wird. Viel schlimmer noch: Die Verantwortlichen der Finanzbranche wissen es inzwischen sehr genau, aber sie ändern nichts. Zu groß ist ihre Gier.

(*Namen geändert)

TV-Experte Dirk Müller („Mister Dax“) weist in der Misereor-Veröffentlichung „Unschuldsmythen“ nach, warum die Preise steigen. Er erklärt:
„Die Globalisierung der Finanzmärkte hat zu einem extremen Herdenverhalten der Marktteilnehmer geführt.“
„Der größte Teil der spekulativen Investments in Rohstoffe wird nicht mit Eigenkapital eingegangen, sondern mit Krediten.“
„Es gibt keinen einzigen volkswirtschaftlichen oder gar humanitären Grund, warum es Finanzinvestoren erlaubt sein sollte in Grundnahrungsmittel zu investieren.“ „Wie viele Millionen Menschen dem ‚stillen Tsunami‘ zum Opfer fallen, kann nur geschätzt werden. Die Weltbank ging von 44 Millionen Menschen alleine zwischen Juni 2010 und April 2011 aus.“
Müller fordert von der Politik mehr Transparenz in den Märkten, eine Anhebung von Sicherheitsleistungen, feste Preisober- und Untergrenzen und des Verbot der Spekulation durch Fonds.