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mikroelektronikEin Text von Lorenz Block

Jeder von uns nutzt im Alltag viele elektronische Geräte wie Computer, Handys und Digitalkameras. Die wenigsten Nutzer wissen, dass in einem einzigen PC insgesamt ca. 1,4 Tonnen Rohstoffe stecken, wenn man alles zusammenrechnet, was für Produktion, Transport und Entsorgung des Geräts benötigt wird. Darin enthalten sind ungefähr 1.500 Liter Wasser, 22 Kilogramm chemische Stoffe und 240 Kilogramm fossile Energieträger. Abgesehen davon werden verschiedene Schwer- und Edelmetalle für die Herstellung von elektronischen Geräten benötigt, die oftmals unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen gewonnen werden und deren Abbau an vielen Orten schwere Umweltschäden verursacht.

Ein wichtiger Bestandteil von Handy- und Laptop-Akkus ist Kobalt. Mehr als die Hälfte der weltweit geförderten Menge wird in der DR Kongo und Sambia abgebaut, oftmals von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren, die ohne Schutzkleidung und Atemschutz in den giftigen Dämpfen der Kobalt-Minen arbeiten. In der DR Kongo wird nicht nur Kobalt gewonnen, sondern auch das Erz Columbit-Tantalit, kurz Coltan, das für die Produktion von Mikroprozessoren, Handys und Notebooks benötigt wird. In der DR Kongo fand bis zum Jahr 2009 ein Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen statt. Um ihre Waffen zu finanzieren, ließen sie Minderjährige unter Tage in Coltan-Minen schuften – der Bergbau zerstörte sowohl das Leben der Menschen als auch die Umwelt, da die Natur in Nationalparks oftmals trotz Abbauverboten stark beschädigt wurde. Im Kampf um die wertvollen Rohstoffe wurden dort zahlreiche Kinder auch als Soldaten missbraucht und zum Töten gezwungen.

mikroelektronik_3Gold und Platin, die für die Herstellung von Mikrochips, Festplatten, Flachbild-Fernsehern und Mobiltelefonen benötigt werden, kommen in den USA, Australien, Russland, Kanada und Lateinamerika vor, Hauptlieferant für diese Metalle ist jedoch Südafrika. Nach der niederländischen Organisation SOMO wurden dort allein zur Gewinnung von Platin rund 17.000 Menschen umgesiedelt. Der Bergbau geht auch mit großflächigen Schädigungen der Umwelt einher – durch den Einsatz hochgiftiger Säuren und die Abtragung der obersten Bodenschichten in den Abbaugebieten.

Im Monatsrhythmus präsentieren die großen Elektronikkonzerne die neuesten Generationen ihrer Smartphones, Fernseher, Spielekonsolen und Computer. Mit jeder kleinen Neuerung – hier ein besserer Prozessor, dort ein 3D-fähiger Bildschirm – möchten Sie den Kunden neue Kaufanreize bieten. Um mit der Mode zu gehen, kaufen viele Menschen in immer kürzeren Abständen neue Elektronikgeräte – Computer werden nach durchschnittlich 3 Jahren ersetzt, Handys nach 18 Monaten. Dadurch werden in Deutschland jedes Jahr mehr als 35 Millionen Handys aus dem Gebrauch genommen und müssen entsorgt werden.

Auf jeden Einwohner Deutschlands kommt ein Handy, das unbenutzt in einer Schublade verstaubt – voller unrecylter Rohstoffe, die in anderen Teilen der Welt mühsam und oft auf schädliche Weise aus dem Boden geholt werden. „In einer Tonne von alten Handys sind ungefähr 300 Gramm Gold und 100 Gramm Palladium enthalten; in einer Tonne Golderz nur 5 Gramm Gold, und in einer Tonne Palladium-Erz sind 5 Gramm Palladium“, sagt Petra Meyer-Ziegenfuß vom hessischen Umweltministerium.

Auch in alten Computern schlummern Rohstoffvorräte, die für den Bau neuer Geräte wiederverwertet werden können, wenn wir sie nicht einfach wegwerfen. Selbst wenn wir funktionierende Altgeräte – in guter Absicht und um den Menschen dort einen Zugang zur Informationstechnologie zu ermöglichen – in Entwicklungsländer in Afrika oder Asien schicken, ist den Empfängern damit nicht immer geholfen. Die Bezeichnung „nutzbare Gebrauchtgüter“ ist oftmals nur der Deckmantel skrupelloser Händler für den Export von Elektronikschrott in die armen Länder der Welt.

Die BBC berichtete 2008 über den Computerfriedhof Agbobloshie in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Auf dieser Müllhalde landen 90% der importierten Geräte aus den Industrieländern, weil sie nicht benutzbar sind und als Schrott nach Ghana importiert werden, obwohl das laut mehreren internationalen Abkommen und EU-Vorschriften verboten ist.

mikroelektronik_4Kinder und Jugendliche wie der 17-jährige Yaw Francis verbrennen auf dem Müllberg die Kunststoffgehäuse alter PCs, um an die Kupferkabel und andere Metallteile im Inneren zu gelangen, die sie dann für kleines Geld weiterverkaufen. Als Brennstoff für ihre Feuer verwenden sie oftmals alte Autoreifen. Dass sie dabei mit giftigen und gesundheitsschädlichen Dämpfen in Kontakt kommen, liegt auf der Hand. Schädigungen drohen ihnen und der Umwelt auch durch giftige Substanzen und Schwermetalle wie PVC, Arsen, Quecksilber und Cadmium, die freigesetzt werden, weil sie die Geräte nicht fachgerecht zerlegen. Greenpeace fand bei einer Untersuchung von Bodenproben aus Agbobloshie Gifte wie Blei – teils hundert Mal so viel wie in in der Umgebung. Um die schlimmen Folgen für Menschen und Umwelt zu vermindern, drängt die Umweltorganisation die großen Elektronikkonzerne dazu, energieeffiziente, ressourcenschonende und klimafreundliche Produkte zu entwickeln. Im „Guide to Greener Electronics“ werden die Geräte der einzelnen Hersteller zudem daraufhin überprüft, dass sie frei von giftigen Substanzen sind, ob und wie das Unternehmen alte Geräte zurücknimmt und recycelt und wie hoch der Anteil von recycelten Rohstoffen im Gerät ist. In zukünftigen Elektronik-Rankings soll auch die Verwendung von konfliktfrei gewonnenen Rohstoffen berücksichtigt werden.