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wiewirlebenwollenSelber machen, statt auf die Politik warten! - Beispiele für mehr Nachhaltigkeit

In Deutschland schwelgen die meisten Menschen im Überfluss. Unser Verbrauch an natürlichen Ressourcen und an Rohstoffen ist so groß, dass die Natur sie nicht mehr ersetzen kann. Um unseren gegenwärtigen Natur-Verbrauch zu decken, müssten wir eigentlich 1,7 Erden zur Verfügung haben. Würden weltweit alle Menschen so gedankenlos verschwenderisch leben wie wir, benötigten wir unseren Planeten sogar dreimal.

Um die Zukunft unserer Erde nachhaltig zu sichern, sind dringend Änderungen notwendig, darin sind sich alle Fachleute einig.
Doch der Weg dorthin ist umstritten. Wer will schon seinen Wohlstand senken? Müssen wir alle nun verzichten? Kann man seine Lebensqualität erhalten und dabei eher im Einklang mit der Natur leben?

Die Politiker sind zerstritten und ratlos. Der mit großen Hoffnungen erwartete Rio-plus-20-Gipfel im Sommer 2012 endete enttäuschend. Die Dynamik in der internationalen Nachhaltigkeits-Politik lässt immer mehr nach, obwohl die Probleme drängender werden. Paradox ist, dass das Wissen vorhanden und Lösungen greifbar sind – es fehlen die Einigkeit und die Entschlossenheit.

Der Experte Dirk Messner stellt fest: „Das war ein sehr enttäuschender Gipfel, im Vergleich zur Aufbruchstimmung des Erdgipfels von 1992 und angesichts der Dringlichkeit schnellen Handelns zur Vermeidung unumkehrbarer Umweltkrisen. Von der Abschlusserklärung geht kein relevanter Impuls aus“.

Selbst der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) ist ernüchtert. Sein Vorsitzender Hans Joachim Schellnhuber erklärt: „Die Zukunft der Menschheit ist zu kostbar, um sie dem fortwährenden Nationalstaaten-Mikado preiszugeben. Nun sind Pioniere aus allen Bereichen der Weltgesellschaft gefragt“.

Die Existenzgrundlagen künftiger Generationen sind angesichts von Klimawandel, Rohstoff- und Energieknappheit, Verlust an Böden und an Naturvielfalt und wachsendem Hunger ernsthaft gefährdet. Daher fordert der WBGU nichts weniger als eine grundlegende Umwälzung zu einer nachhaltigen Weltgesellschaft. Er nennt es die „Große Transformation“, die sich auf alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche beziehen soll, und dies weltweit. Sie hat Dimensionen, die mit der Industriellen Revolution vergleichbar sind.

Nach Ansicht des WBGU werden angesichts der weitgehenden Passivität der internationalen Politik das Engagement von Bürgern, Wirtschaft und Wissenschaft, der Vorreitergeist von Pionieren des Wandels, Allianzen zwischen Städten und zwischen Pionierstaaten für erfolgreiche Projekte der Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit immer wichtiger. Neben der Gesamtgesellschaft ist jeder Einzelne gefragt.

Der Wirtschafts-Wissenschaftler Niko Paech von der Universität Oldenburg sieht es ähnlich. Er stellt dazu Grundannahmen der Gesellschaft in Frage. Beispielsweise, ob Fortschritt an Wirtschaftswachstum gekoppelt sein muss, ob also nur ein „immer mehr“ zu mehr Lebensqualität führt. Peach macht sich für ein entrümpeltes Leben stark, eine Befreiung vom Überfluss, und ein kreatives Reduzieren: „Es geht um das kreative, lustvolle, elegante Weniger!“

wiewirlebenwollen_3Dafür gibt es bereits viele intelligente Beispiele, bei denen die Menschen viel gewinnen und nichts einbüßen. Etliche Organisationen und Menschen setzen kluge Projekte gegen die Verschwendung um, die die Umwelt schonen und die eine neue Lebensqualität bieten.

Beispiel 1: Couchsurfing ist die etwas andere Art des Reisens. Mit Hilfe des Internets bildet sich eine Community, die sich gegenseitig weltweit Unterkünfte anbietet. Ich darf an meinem Reiseziel eine Zeitlang bei einem privaten Gastgeber wohnen. Dafür nehme ich ebenfalls Gäste auf, wenn sie in meine Stadt kommen. Das spart teure Hotelanlagen und macht das Reisen günstiger. Und es vermittelt mir zusätzlich direkte Kontakte mit Menschen, die ähnlich „drauf“ sind, die ich sonst nie getroffen hätte. Eine soziale und interkulturelle Bereicherung für alle, die außerdem viele Ressourcen spart.

 

Beispiel 2: Carsharing bedeutet „Autoteilen“. Wofür muss ich ein eigenes Auto besitzen? Als Statussymbol haben PS-starke Fahrzeuge eh ausgedient. Aber ich will oder muss ja dennoch mobil bleiben.
Beim Carsharing trete ich einer Organisation bei, die Autos in dem Moment bereitstellt, in dem ich sie benötige. Schon in rund 140 Orten Deutschlands, besonders in Städten, gibt es gut funktionierende Anbieter, außerdem noch einige überörtliche wie die Deutsche Bahn. Sie haben bereits mehr als 150.000 Mitglieder und 95 Prozent aller Anfragen nach einem Auto funktionieren problemlos.

Für eine kleine Summe reserviere ich dort als Privatperson oder als Firma ein Auto, wenn ich es brauche. Der Betrag errechnet sich nach Mietdauer und zurückgelegter Entfernung. Alle anderen Wege erledige ich mit der Bahn, dem Fahrrad, dem Bus, zu Fuß oder mal mit dem Taxi. Ich komme überall hin, wann und wohin ich möchte. Dabei spare ich vergleichsweise viel Geld, denn ich teile die versteckten Kosten, wie die Anschaffung und den Wertverlust des PKW mit vielen anderen Menschen. Die Parkplatzsorgen sind vorbei, und um Werkstatt, TÜV-Untersuchung und Autopflege muss ich mich auch nicht kümmern. Durch das System sind wohl schon jetzt rund hunderttausend Autos weniger auf den Straßen Deutschlands unterwegs, eine deutliche Entlastung der Umwelt, Tendenz steigend…

 

Beispiel 3: Viele Politiker und Unternehmen setzen in Sachen Zukunfts-Mobilität auf das Elektro-Auto. In Hochglanzbroschüren und Image-Filmen surrt es leise und energiesparend durch Städte und übers Land. Doch die Realität ist leider, dass die wenigen Modelle kaum gekauft werden, weil sie sich als nicht alltagstauglich herausstellen. Insgesamt nur rund 5.000 Elektroautos sind in ganz Deutschland unterwegs, ein guter Teil davon im Testbetrieb.

Aber in einem kaum beachteten Bereich spielt sich eine echte Revolution in der Elektro-Mobilität ab. Die Fahrrad-Industrie verzeichnet geradezu einen Boom im Verkauf von E-Bikes. Bis Mitte 2012 wurde fast eine Million dieser so genannten Pedelecs verkauft. Es sind Fahrräder mit Akku und zusätzlichem Elektro-Motor, der sich dann zuschaltet, wenn ich selbst auch in die Pedalen trete. Das macht das Radfahren an Steigungen, auf längeren Strecken, mit schweren Lasten und für ältere Menschen wesentlich einfacher.

Das E-Bike eröffnet mir zahlreiche neue Möglichkeiten, mich ökologischer und effizient zu bewegen und es ersetzt viele Gründe, ein Auto benutzen zu müssen. Immerhin werden bisher auf 70 Prozent aller Autofahrten Strecken von weniger als zehn Kilometer gefahren. Statt 1,5 Tonnen Masse eines PKW setze ich nur noch rund 20 Kilogramm Gewicht meines Pedelec in Bewegung um mein ziel zu erreichen.

In einer Stadt, die durch viele steile Steigungen geprägt ist, wie etwa Wuppertal, war das Radfahren bisher kaum eine Alternative zum Auto. Es war viel zu mühsam, doch das ändert sich nun. Ältere Menschen bleiben mit Pedelec auch ohne Auto länger mobil, selbst wenn sie die Kraft für normales Fahrradfahren nicht mehr haben. Der Radius meiner Fahrrad-Fahrten weitet sich deutlich aus, ich kann mit derselben Anstrengung nun Ziele auch in 15 Kilometern Entfernung locker erreichen, statt nur fünf oder sechs Kilometer zu schaffen. Gerade auf dem Land ist das ein unschätzbarer Vorteil. Meine Einkäufe oder ein Kind transportiere ich ganz einfach mit einem Anhänger. Außerdem saust mein E-Bike bis zu 25 Stundenkilometer, ich bin ich damit oft schneller unterwegs als im Auto, weil ich auf dem Radweg am Stau einfach vorbei radeln kann. Es ersetzt Sprit fressende Mofas und Roller, deren lärmende Zweitaktmotoren stinken, die Umwelt belasten und hauptsächlich nerven.

Selbstverständlich ist dabei natürlich, dass ich mich im Verkehr mit solch einem „Geschoss“ vorsichtig und rücksichtsvoll verhalte und dass ich den Strom für meinen Akku aus erneuerbaren Energien beziehe – denn wer will schon mit Atom- oder Kohlestrom unterwegs sein? Benötige ich tatsächlich mal ein Auto, bestelle ich es mir einfach beim Carsharing…

wiewirlebenwollen_6Beispiel 4: Es ist eine pure Verschwendung angesichts von einer Milliarde Hungernden auf der Welt! Meist begleitet von einem schlechten Gewissen wirft jeder Bewohner Deutschlands pro Jahr durchschnittlich 82 Kilogramm Lebensmittel weg, überwiegend noch gut genießbar – im Wert von insgesamt über 20 Milliarden Euro. Dabei ist die Herstellung unseres Essens für rund 25 Prozent aller CO² - Emissionen verantwortlich.

Das Projekt Foodsharing will Menschen beim Lebensmittel-Teilen unterstützen und so die Verschwendung reduzieren. Ab 2013 soll über eine Internet-Plattform Essen vermittelt werden, das sonst in den Müll wandern würde. Etwa wenn ich die Ernte meines Obstbaums nicht selbst verbrauchen kann, wenn nach meiner Party größere Mengen Gemüse übrig bleiben oder ich vor der Abreise in den Urlaub feststelle, dass ich viel zu viel eingekauft hatte. Ich gebe dann im Internet ein, was wann wo abgeholt werden kann. Der Zugang zur Community soll mit einer App auch übers Smartphone möglich werden. Wer bei foodsharing.de registriert ist und in der Nähe wohnt, wird über mein Angebot informiert. Wir verabreden uns und er erhält die Lebensmittel. So teile ich meinen Überfluss und lerne gleichzeitig auch nette Leute aus der Umgebung kennen.

 

Beispiel 5: Fairer Handel ist die Alternative zu konventionellem, nur auf Gewinne ausgerichteten Umsatz, der bei der Produktion von Waren gnadenlos die Preise und damit die Löhne drückt. Produkte des Fairen Handels werden sozialverträglich hergestellt. Die Produzenten in Entwicklungsländern erhalten bessere Löhne, Ausbeutung wird ausgeschlossen und Kinderarbeit ebenfalls. Mehrzahlungen der Kunden, der so genannte Fairhandels-Aufschlag, kommen einer Preisgarantie für die Waren und Sozialprojekten zu Gute. Bei Fairhandels-Produkten kann man meist von höchster Qualität ausgehen, häufig sind sie auch biologisch produziert, was ihren Wert noch steigert.
Bisher ist der Faire Handel hauptsächlich für Lebensmittel bekannt, die in Weltläden und in vielen Supermärkten gekauft werden können. Kaffee, Tee, Orangensaft, Honig, Zucker, Bananen und Süßwaren wie die leckeren Mango-Monkeys sind bekannte Produkte. Immer häufiger greifen die Deutschen zu fair gehandelten Waren, die Zuwachsraten in dem Bereich sind hoch. Sogar beim Kölner Rosenmontagszug gehört es inzwischen zum guten Ton, neben konventionellen auch faire Kamelle zu werfen. Inzwischen haben Millionen Kleinbauern und viele Kooperativen ein besseres Einkommen mit steigenden Umsätzen. Sie können ihre Kinder zur Schule schicken und verfügen beispielsweise über Gesundheitsstationen oder eine bessere Wasserversorgung in ihren Dörfern.
Neben Lebensmitteln werden immer mehr sogenannte Non-Food-Produkte fair hergestellt und zu uns nach Deutschland importiert. In vielen Supermärkten und bei immer mehr Einzelhändlern kann man beispielsweise faire Schnittblumen kaufen. In den letzten Jahren kommen auch fair gehandelte Textilien in immer besserer Qualität auf den Markt. Mit anspruchsvollem Modedesign und zu erschwinglichen Preisen finden faire Modelabels wie beispielsweise „Armedangels“ immer neue Kundinnen und Kunden. Sie legen sowohl auf styliges Outfit als auch auf soziale und ökologisch verantwortliche Herstellung Wert.
Aus den Händen der Schauspielerinnen Cosma Shiva Hagen und Anke Engelke erhielt das Modelabel den Ersten Preis beim „Fairtrade Award 2012“. Das Fashion Label besetze mit seinem Angebot eine „Nische mit großem Wachstumspotenzial und bezieht eindeutig Stellung zu mehr Fairness in der Textilbranche“, hieß es in der Begründung. Neben ökologischen und fairen Kriterien sind manche der Textilien auch recycelt, vegan – ohne Tierprodukte, lokal produziert oder mit besonderem sozialen Engagement verbunden. Rund 180 Händler in ganz Deutschland führen Armedangel-Kleidung, zudem kann sie online bestellt werden.